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Aus »Traum von Atlantis«. Gedichte 1994, Vers 9737 bis 9836

GOTENHAFEN


Wir schreiten in der Abendsonne
Und schweigen, wo kein Vogel klagt,
Wir spüren eine Marschkolonne
Von Geistern, die kein Tag verjagt.

Die Form und die Magie der Mole
Zwingt uns zum Takt in Puls und Fuß,
Dies ist kein Rausch vom Alkohole,
Es ist, als kläng der deutsche Gruß.

Wir sprechen später erst darüber,
Doch geht uns gleiches durchs Gemüt,
Der Dämmer wird kein bißchen trüber,
Ehr schärfer alles zackt und glüht.

Ein Wall, da kraxeln wir ins Hohe,
Ein Warnschild ruft nach einem Reim,
Dann dämpft die waagerechte Lohe
Ein Waldstück lind, als seis daheim.

Wir stelln den Rucksack ab und sitzen
Beim Vesper bald mit Käs und Brot,
Wo nur vereinzelt Strahlen blitzen,
Der Frieden scheint mit uns im Boot.

Doch während wir nicht mehr versäumen,
Was Gaumen und dem Magen gut,
Muß doch ein Auge weiterträumen
Und fragen, was wozu wohl gut.

Wie eine Schrift gegrabner Zeichen,
Erst hie und da und dann ein Netz!
Wer tats? Was wollte er erreichen?
Wo löst sich das Geheimgesetz?

Zu flach, daß Schützen sich verschanzen,
Doch mags dem Nachschub Hilfe sein,
Das Grabenwerk, vereint zum ganzen,
Lädt uns auf einen Hügel ein.

Der protzt mit unverhofftem Lohne,
Ein Bunker steil und fast sakral,
Die Stellung mit der Flak-Kanone,
Die phallisch zeigt des Reichs Fanal.

Die Symmetrie erscheint vollendet,
Aufzüge rechts und links versehn
Den Schützen, der das Unheil wendet,
Mit Sprengkraft, unbesiegt zu stehn.

Dies alles wirkt wie grad verlassen,
Allein die Spinne zeigt uns an,
Daß, um vor Bombern nicht zu passen,
Die Haltbarkeit den Preis gewann.

Wir schaun aus jeder Perspektive
Das Meisterwerk des Willens an,
Als ob der Herr der Feste schliefe,
Bis er den rechten Tag gewann.

Detail und Konzeption versprechen,
Daß sich der Streiter nie ergibt,
Es mußten erst die Augen brechen,
Eh niemand die Granaten schiebt.

War dieser Wald ein Meer von Flammen?
In fünfzig Jahrn vergißt das Grün,
Wir reimen uns den Schluß zusammen
Und sehen selbst den Aufzug glühn.

Doch heller noch das Aug des Jungen,
Der mitten ins Geschwader schaut,
Und der im Herzen unbezwungen,
Dem Arm und seinem Rohre traut.

Dann aber schlägt ein Bombensplitter
Von hinten durch der Wirbel Band,
Und während blitzt das Stahlgewitter,
Liegt noch am Rohr die schmale Hand.

Wir finden, ist erst eins gefunden,
Noch manches Rohr in diesem Kreis,
Dann sagt ein Zaun uns unumwunden,
Wir seien ziemlich naseweis.

Nun ja, im jetzigen Regime
Im Zaun ein Loch ist niemals weit,
Wir meinen, daß der Weg uns zieme,
Und danken für die gute Zeit.

Doch wenig durchs Gehölz gebrochen,
Wir eine Panzerstraße sehn,
Nun freilich ist genug gekrochen,
So kann man besser weitergehn.

Quartiere stehn da bald in Reihe.
Dies war doch nicht der rechte Weg!
Da kommen der Soldaten zweie,
Weshalb ein Kehrt nun gar nicht geht.

Sie grüßen nicht, doch sie beachten
Uns auch nicht feindlich oder scheu,
Und wie wir nach dem Ausweg trachten,
Kommt schon das Tor – bei meiner Treu!

Nun haben wir zwar schon im Hafen
Am Ausgang lax den Paß gezückt,
Gleichwohl auch Genien müssen schlafen,
Drum selten solches zweimal glückt.

So geht es wiederum ins Grüne,
Bevor es weicht dem kahlen Tuff,
Die roten Leuchten auf der Bühne,
Sie zeigen an, daß hier der Puff.

Ja freilich, wir sind ja in Polen,
Es wird bei Nacht erst richtig hell,
Wo nicht mal Stalin den Katholen
Zu nehmen wagte das Bordell.

Doch dies verdirbt uns nicht die Laune,
Der Hügel hat ein Zwiegesicht,
Das rote hier und dort das braune,
Und wer dies sah, vergißt es nicht.