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Aus »Heliodromus«. Gedichte 1993, Vers 7220 bis 7315

NADIR


Nenn deinen Namen, Narr, und sei dir nah,
Eh du den Steinkreis schufst, war er schon da,
Eh Aleph sich erhob aus Omega,
Der Speer im Schwan sich schlang zur Algebra,
War er, der nie erschien und nie geschah,
Dem Nichts das Nur, das sich zum Noch ersah,
Als ob der Neid der Nacht befahl: gebier
Die Nacktheit, die zum Namen ward: Nadir.

Er schweigt, doch du, sein munterer Satrap,
Trägst den Anubis-Helm, den Eibenstab,
Insignien, die dir Proteus’ Schwester gab,
Wie auch den Gürtel mit dem Spruch: Ich hab
Die Nacht geträumt. Berühr das Hügelgrab
Und fühl den toten Punkt im Astrolab,
Und eh dein Atem im Kristall gefrier,
Vergiß das sanfte Unwort nicht: Nadir.

Dein Wandeln spricht sich aus im Moosachat,
Sein ist das Wort und dein vielleicht die Tat,
Doch während Holdheit dein Gemach betrat,
Die Nereiden dich umwerben, naht
Auch Adrastea, Schlange, Schale, Rad,
Und ritzt ein Kreuz in den erwählten Pfad.
Wo Un zu Ur einst ward und Gold zu Gier,
Ragt er, der Unbekannte Gott: Nadir.

Du weißt es nicht, woher der Einfall traf,
Daß du den Quart verwirfst und zum Oktav
Die Hieroglyphen drängst, die Schwinge Schlaf,
Die Scheidemünze und das Opferschaf.
Du weißt nicht, ob er lohn und ob er straf,
Nicht wer der Pol und wer der Seismograph,
Nicht, wer der blinde Quell, wer der Menhir,
Nicht, wer der Barde ist und wer Nadir.

Du tagträumst, und die Sonne steigt im Hag,
Najade läßt, da Notos schwelgen mag,
Ihr Haar, und wie die Schnitter schaun Ertrag,
Kränzt Daphnes sprödes Blatt den Nachmittag,
Bis dich, Waidwunder, drin die Mistel stak,
Gewißheit packt, dir sind mit einem Schlag
Jodfarbner Gral und du, sein Juwelier
Kronkolonien der Nabelschnur: Nadir.

Was dich erlöst, macht nur den Magen frei,
Nicht Atem, Adern, nicht den Arm von Blei,
Für Ich und Mich birgt er den Kork der Drei,
Und wo du zuckst, wohnt er gelassen bei.
Er stellt den Kern und schweigt im Todesschrei,
Im Wirbelsturm ist er das Schlangenei,
Und in der Schlacht der Leu auf dem Panier,
Der Schicksalsfuge Kontrapunkt: Nadir.

Ihr ist, was ist und nicht ist, Ritual,
Ihm wird kein Scheitern schwer, kein Leuchten fahl,
Ihn überdacht die Welt, Saturns Opal,
Und Nicht-Welt überwölbt ihn tausendmal.
Des Rittes Aar, des Seglers Admiral
Ist er, und kürst du Lethelicht zum Gral,
So tönt, wenn du im Nachen träumst, am Pier
Die Weisheit des Cusanus noch: Nadir.

Sein Umkreis rötet Sol mit Neid und Scham,
Vor seinem Bogen scheint der Schütze zahm,
Der Himmel blaß und der Olymp infam,
Und Amaltheas Horn entbehrt den Rahm.
Er trägt den Keim, der in dir niederkam,
Das große Einerlei, das Amalgam,
Und hält den Gaukler dunkel im Visier,
Doch du, Narziß, fixierst ihn selbst: Nadir.

Mit Eulenaugen blick und auf den Zahn
Fühl ihm, der außer sich sinistrem Wahn
Alraune bot und den geköpften Hahn.
Seit Abend ist im Reich des großen Pan,
Weiß deine Klinge von Obsidian
Allein, was ungesagt und ungetan,
Und deine Haut benetzt der Opferstier,
Das Blut und das Mysterium: Nadir.

Doch du verfolgst das Tier des Bezoar,
Mohn blich die Lippe und der Mond das Haar.
Wer weist dir noch, was Zeichen ist, was wahr,
Wer trübt den Blick und macht den Spiegel klar?
Mag sein, in deinem Mantel rast der Mahr
Und du bist selbst die Trutzburg der Gefahr,
Der Stein, das Horn und ganz zuletzt das Tier
Dem Jäger, der dich nicht verfehlt: Nadir.

Wer wer, wer wem? wie bald schon wächst das Gras
Darüber, und dir bleibt kein Mindestmaß,
Denn wer den Brand der Asenburg vergaß,
Vergißt den Geier rasch und rasch das Aas.
Dein Talisman bleibt nicht, dein Schild-Topas,
Vielleicht bleibt einzig der Pythagoras
Im ungelösten Streit von Drei und Vier,
Die Pyramide und das Lot: Nadir.

Und dennoch blüht Adon auf goldner Au,
Und Ares haust in dem geschleiften Bau.
Dies wissend, sei getrost, den Augen trau,
Dem Herzen, Meistermann der Vogelschau.
In seiner Hut, im ungetrübten Blau
Wird Wesen Welle und das Wort genau,
Die Reiche Reim und die Zerstörung Zier,
Und alles fließt zurück und wird Nadir.