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Aus »Der Weiße Falter«. Gedichte 1992, Vers 5626 bis 5730

HOHENWARTE


Nach einem Fragment von Wolf von Aichelburg

Wächter, sag an, was entdeckst du im Tal?
Neunmalscharf weißt du die Zeichen zu scharen,
Sind sie uns günstig und heilig die Zahl,
Oder gebrauchst du das Horn der Gefahren? –
Höre, ich sehe, was war und was kommt,
Morgenrot blutet am Wall gegen Osten,
Aber der Wächter, dem schlafen nicht frommt,
Stand schon bei Nacht auf erhobenem Posten,
Steigender Nebel behindert die Sicht,
Aber geschärft sind die wachenden Ohren,
Um zu erraten, denn Täuschung ists nicht,
Grimmigen Feind vor den hölzernen Toren.
Nahend mit gradem, mit dröhnendem Schritt,
Schwingen sie Eisen und blutrote Fahnen,
Schleppen sie Werkzeug zur Folterung mit,
Weh, nicht zu denken, nicht einmal zu ahnen.
Wo sie vorbeikommen, wächst nicht das Korn,
Wo sie sich Platz schaffen, wuchert die Wüste,
Steinhülle, Sandhölle, Staubspur und Dorn
Wachsen im Tal, das mich sonst hier begrüßte. –

Wächter, sag an, was ersiehst du uns noch?
Nirgends noch höre ich Dröhnen und Schreiten.
Sprich, denn ich sehe den Adler nur hoch
Schweigend die mächtigen Flügel ausbreiten. –
Höre, der Vogel, den Schnabel am Eis
Wetzt er und nährt sich von Sturm und Gewitter,
Tränen, gefroren, er frißt sie und weiß
Qualen unnennbar, für Worte zu bitter.
Sie, die die Wüste den Erben verrät,
Zählen und teilen und wägen und messen
Alles, was Gott in die Erde gesät,
Allen, und keiner wird dabei vergessen,
Schneiden quadratisch das heilige Brot,
Karg, doch für alle, und tuns mit den Worten:
Siehe, so tilgten wir jegliche Not
Hier, und so tun wir an jeglichen Orten.
Aber der Steinbock auf glitzerndem Firn
Springt, und kein Bolzen wird je ihn erreichen,
Er senkt die drohenden Hörner der Stirn,
Dort aber lodert ein heiliges Zeichen. –

Wächter, sagt an, die dort drunten versorgt,
Will ihnen Brot ohne Segen noch munden,
Wissen sie nicht, daß die Erde uns borgt,
Ungestraft nie noch geschmäht und geschunden? –
Höre, sie nennen gerecht ihren Streit,
Was sie sich antun, Gesetz der Geschichte,
Höheres Menschtum, das Herkunft-befreit
Gottlos ein menschliches Weltreich errichte.
Aber ich seh sie in Reihe und Glied,
Peitschenknall ordnet den Zug der Vernichter,
Nur wer dem Wahn seine Wahrheit verriet,
Leidet nicht, aber die meisten Gesichter
Hungern, obwohl man den Hunger verbot,
Spüren die Fäulnis in Galle und Magen,
Doch wer verkündet, die Welt sei im Lot,
Geht ohne Last, seine Wegzehrung tragen
Dumpfere, blicklos, sie sprechen kein Wort,
Gleichgültig gegen sich selbst und die Lehren,
Schleppen sich klaglos und hoffnungslos fort,
Alle im Takt, und kein Held wird es wehren. –

Wächter, sag an, ist der Pfad uns geraubt,
Den wir vorzeiten im Tale gegangen?
Schwinden die Gipfel und was wir geglaubt,
Stürzen die Himmel und sind wir gefangen? –
Frage den Falken, denn nur bis zum Wald
Dehnt sich die Flur, die der äugende Wächter
Einfängt, ich weiß nicht, ob solcherart Halt
Hoffnung verhehl oder schlimmere Schlächter.
Aber, nun hör, was den Blick mir begrenzt,
Heiliger Hain, wo die Wege uns enden,
Brennt, und mein Herz, das du, Auge, verbrennst,
Faßt nicht das Wahnwerk von frevelnden Händen.
Feuer – o hör, wo einst Birke und Buchs
Sommerlang streichelten Augen und Ohren,
Wo wir die Eichen von mächtigem Wuchs,
Ahorn und Esche zu Göttern erkoren,
Wo uns die Nymphen die Liebe gelehrt,
Wo uns berauschte das Seltne und Hohe,
Dort sind die Runen des Lebens verkehrt,
Dorten herrscht einsam die letzte, die Lohe. –

Wächter, sag an, kann der Wald nicht bestehn,
Fallen die Fichten, die Lärchen und Linden,
Werden sie uns, die wir schwindelfrei gehn
Gratwege, doch in der Felswohnung finden? –
Höre, der Untergang reicht an das Meer,
Willkür umklammert, was Götter besaßen,
Äcker, geschnitten gerade und quer,
Ebne, bezwungen von künstlichen Maßen,
Landräuber suchen nach Wildwuchs, der Brand
Muß bald am Unmaß der Flamme ersticken,
Dem, der sich selber zum Landvogt ernannt,
Wird sich das Glück und die Ernte nicht schicken.
Nichts mehr zu teilen vermag die Vernunft,
Will das Gesetz auch die Waage betrügen,
Einzelne fliehn und die ruchlose Zunft
Sucht einen Ausweg in reicheren Lügen.
Andere wissen, daß alles zerstört,
Suchen vergessene, heilige Worte,
Einer gar wußte von uns, und gehört
Hat es die Menge und steht vor der Pforte. –

Wächter, nun schweig, denn dem Volke nun sprich,
Möge der kargeste Felsen sie lehren,
Ich aber geh und verlasse auch dich,
Die ist mein Tag und ich werde nicht kehren.