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Aus »Der Weiße Falter«. Gedichte 1992, Vers 5586 bis 5625

MAIGLÖCKCHEN


Erst keglig bricht der Lenzgenoß
Zutag, sobald die Sonne brennt,
Umblättert wächst der zarte Sproß,
Der bestens seine Feinde kennt.

So mag der Reif, der Morgendieb,
Der Jungfrau übelsinnig dräun,
Doch wird die Sonne stark und lieb,
Wird bald sie den Versuch erneun.

Am Stielchen hängen Blüten vor,
Ein Tragblatt schützt die Glöckelein,
Wen solche Reinlichkeit beschwor,
Der steht vernarrt auf einem Bein.

Gesenkten Haupts, doch voll Arom,
Lockt dieser Blust Bestäuber an,
Ums Glöcklein wächst ein Nasendom
Mit seinem unsichtbaren Bann.

Kein Wunder, daß die milde Macht
Gewähnt wird als vom Paradies,
Im Blümlein wird Marien gedacht,
Die es bescheiden wandeln ließ.

Dem Roten Fingerhut verwandt,
Sind die Essenzen, die es braut,
Das Herz liegt in der kleinsten Hand,
Drum acht es mehr als Haar und Haut.

Kopernikus, der Astronom,
Ließ maln sich nicht mit Stern und Rohr,
Das Glöckchen mit dem Mai-Arom
Stand dem Beruf der Heilkunst vor.

Von Eichendorff, der waldesstill,
Dem Lenzling eine Hymne webt,
Und auch von Fallersleben will,
Daß dieser Duft im Deutschen lebt.

Es ragt die Sprache dieser Blum
Vom Minnegärtlein bis ins Heut,
Bezeugt wird hier ein Königtum,
Das Hörner und Posaunen scheut.

So glaube mir bei unserm Herrn,
Ein jeder gelte mir als Schuft,
Der hat nicht Maienglöckchen gern
Und der nicht träumt bei ihrem Duft.