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Aus »Der Weiße Falter«. Gedichte 1992, Vers 6964 bis 7019

ERNTEDANK


I

Wir bringen Früchte und den Reif der Ähren,
Gegürtet mit dem Rot des Rosenstocks,
Wir ziehn durch Öd und Weil zu Equinox
Und zeigen, was die Felder uns gewähren.

Ölkrüge tragen Esel uns und Ochs,
Urbrauch darf heut im hohen Amte gären,
Es gilt der Rode und den frühen Mären,
Sonst wärs verfehlt wie Gärten ohne Phlox.

Gesungen wird von alten Finsternissen,
Drauf Gottes Tag beruft den Bauernschweiß
Zum Bund, den Macht und Lüge nie zerrissen.

Und heilig sind uns Krume, Halm und Reis,
Die Früchte, die wir mit Fanfaren hissen,
Der Segen, dem wir treu in Dank und Fleiß.


II

Das Gotteshaus beherrscht die Erntekrone,
Der Überfluß, geschichtet und gereiht,
Auf daß sich Tat und Müh des Bauers lohne,
Sei Dank dem Herrn der Erde und der Zeit.

Nicht ist der Mensch vor Hungersnot gefeit,
Nicht vor der Flut, nicht vor der Steppenzone,
Und nicht daß er mit Witz und Weisheit frone,
Bestimmt, daß etwas fruchtet und gedeiht.

Drum sei im Dank das Opfer nie vergessen,
Darin wir dessen Herrlichkeit verehrn,
Den wir im Geist und in der Nahrung essen.

Er wird uns seinen Segen nicht verwehrn,
Denn größer ist sein Herz, als wir ermessen,
Sein Fittich, drunter wir kein Gran entbehrn.


III

Der Erntedank ist Zeit auch für den Sänger,
Hier kehrt zum Volk der Flug durch Au und Tann,
Wie Feld und Himmel rührn sich Weib und Mann,
Als ob der Wind das Abendrot verlänger.

Das Lied, das Mut in Einsamkeit ersann,
Faßt nur die Landschaft und den Kreislauf enger,
Doch jeder Psalm erweist den Wiedergänger
Des Schöpfers, der uns Flur und Flut ersann.

Nicht nur vom März zum Michaelisfeste
Schlug sich ein Kranz, den Winterschlummer sinnt,
Der Kreis des Jahr kreuzt auch des Ritters Queste,

Die vor der Zeit in Monsalvat beginnt,
Und jedes Jahr schaust du die stolzen Gäste,
Wenn Wahn und Wachen Bardenreim umspinnt.


IV

Im Erntedank hat sich der Wind gewendet,
Der Ostern sprach von Schmerzen und Passion,
Die Stoppeln bleichen, wo die Astern schon
Ein Gold begrüßen, das in Stürmen endet.

Wer viel gewann und wer im Rosen-Ton
Geschwelgt in dieser Stunde gern verschwendet
Sein Herz dem Wind, der nichts als Trauer spendet,
Melancholie für Julis Lieblingssohn.

Der Sommer scheint ein Hort der Kindertage,
Kornblumen, blau gezackt, und Mohnenrot
Sind ein verlornes Heil und ohne Frage.

Denn wo das Werk getan, erscheint der Tod,
Wo Jugend tanzt, schleicht sich die Dämmerklage
Zum Sänger, der das Erntedanklied bot.