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Aus »Der Weiße Falter«. Gedichte 1992, Vers 6155 bis 6194

AM BRUNNEN


Auch heute träum ich, und ich such zu träumen
Nach deiner Art, den Wein, vermischt mit Tränen,
Zu ahnden, wo in goldenem Verschäumen
Die Stolzen mich umspielen, die Fontänen,
Und würde gern, wie sie, mich netzend, säumen
In meiner Ordnung, sängest du mit Schwänen
Aus einer Stille, die mich tragend blutet,
Wo mich der Glanz, den ich verlor, umflutet.

Auch heute steigt der Brunnen, und die Rosen,
Die, wenn er sich vervielfacht, jäh erhaschen,
Was abfällt von dem Tisch der Sorgenlosen,
Das Gold, darin sie sich noch röter waschen,
Blühn auf, als müßt in dieses Wechsels Tosen
Die Sonne, die ihn salbt, gestürzt veraschen
Und, die sie für vergänglich hielt, erkennen
Als Meister, die aus tieferm Feuer brennen.

Auch heute seh ich dich und deine Braue,
Den Bogen aus verwunschnen Rosen-Schriften,
Der, wechselnd eins, der spielerisch genaue
Torschlüssel, Reiche ohne Maß zu stiften,
Den selbst die Schlange nicht, die neunmalschlaue,
Zu zeichnen wagt, und der die Lust an Giften
In Schatten wob, hellsichtig, wie im Tode
Gesang sich ganz gewann zur Rosen-Ode.

Auch heute treibt ein Haar durch das Getreide,
Und wer es einholt, trägt die Weltenkrone,
Wär Wasser fern und Sonne mied uns beide,
Ob Rosen-Kelch und Blatt das Reich bewohne,
Und wär, daß ich die Götter nicht beneide,
Zu hohes Wort, daß dein Gesang mich schone,
Zu viel, daß Wind und Zeit, die weiterfliegen,
Nicht umhinkönnten, zu verwehn, zu siegen?

Auch heute schlingt dein Mund, der aufgetane,
Wie dieser Brunnen, Traum um Traum, verloren,
Nicht wie die Rose trinkt, die ich erahne,
Die niemals ausspricht, wer ihr Rot erkoren,
Und nicht Fontäne wie im holden Wahne
Mein Puls, noch Treue wird, die wir geschworen,
Und erst verblüht, wenn mir versinkt die Wunde,
Und du verspottest meine Todesstunde.