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Aus »Weckruf und Mohn«. Gedichte 1988, Vers 2989 bis 3024

EINHORN-SONATE


Als Blitz, als Pfeil von überspannter Schnur,
Als Krampe, die dem Zwillenast entfuhr,
Läßt er den Schatten, die auf seine Spur
Das Blut gebracht, die Nacht und Mondlicht nur.

»Es ist die Schlange, die zum Ufer schwimmt,
Der Jungfrau Bild, das meinen Weg bestimmt...«
Er lauscht dem Brand, und das Arom von Zimt
Entquillt dem Stab, der schon zu Ende glimmt.

Und Lenz verflog, in Hain und Feld der Blust,
Die Geige spliß, Fanfare birst vor Lust
Im Mummenschanz der Masken, wenn August
Den Tiger fällt im Dorngestrüpp: Du mußt!

Der Honig gärt, und seine Hüter stehn
Im Vollmond stumm, und niemand ist zu sehn,
Doch Stimmen, kündend, und er weiß nicht wen,
Spieln »Ich und Du«, und er muß weitergehn.

Er weiß, er dringt in einen Friedhof ein,
Wie einst als Kind, um einer Frau zu sein,
Die mondher steigt auf den bemoosten Stein,
Sie reicht den Kelch, ein Tropfen Blut im Wein.

Und er versteht im feinen Schmerz: Ihr wart
Der Himmel und der Pfeil, sein Widerpart,
Ein Leben, welchem beider Einst gespart,
Blüht mir so bös und meinem Haß so zart?

Und jemand sagt: Ich hab die Tat getan,
Aus Himmeln, wolkig, fiel der weiße Schwan
Auf den Altar, und die das Zeichen sahn,
Beweinten Gott, der doppelt schlug mit Wahn.

Auf einer Rose, schwarz gesäumt mit Pest,
Verschläft er Tag um Tag und flieht den Rest
Von allem, was begann, und ihr vergeßt
Ihn rascher, als euch Mitternacht verläßt.

Ist dieses Kunst und ist es gar – Natur?
Wie ward geschmäht und doch erfüllt der Schwur?
Als Blitz, als Pfeil von überspannter Schnur,
Als Krampe, die dem Zwillenast entfuhr.