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Aus »Unstrutleuchten. Erstes Buch«. Gedichte 2014, Vers 43657 bis 43734

KANONENBAHN


I

Vom Berliner Raum nach Metz
Klaffte auf dem Eichenfeld
Bös ein Loch im Schienennetz,
Das strategisch Rang erhält.

Lothringen und Elsaß fest
An das Reich zu binden, schuf,
Wie sich hier bewundern läßt,
Deutscher Tüchtigkeit den Ruf.

Denn Eschwege, Leinefeld
Bindet nicht nur Schienenstatt,
Mit sechs langen Tunneln hält
Sich der Baukunst Lorbeerblatt.

Auch die Viadukte, kühn,
Aber gotisch deutsch gespannt,
Werra, Westerwald und Dün
Zeigen ein befreites Land.

Die Besatzer legten dreist
Stacheldraht ins Reichsgebiet,
Wer da wanderte, sah meist
Bloß den Weiser: Grenzgebiet.

Als die Straßensperren fieln,
Wurde zügig stillgelegt,
Was uns einst zu höchsten Zieln
Hat befähigt und bewegt.


II

Läßt du die Unstrut dich führen,
Sieh schon das Quelldorf bebrückt.
Lob soll dem Meister gebühren,
Dem diese Bögen geglückt.

Wandersmann, schreibt man uns, preise
Lieber die Retter des Baus,
Spengtruppen drohten dem Gleise,
Und dieser Brücke das Aus.

Als uns der Krieg auch zu Lande
Austrieb aus Hütte und Schloß,
Zündelte, heißts, eine Bande,
Die letzte Kugeln verschoß.

Sprengung macht unwiederbringlich!
Seufzt man und lehnt sich zurück.
Niemals mehr ist es erschwinglich,
Daß so ein Bauwerk wem glück.

Frage: Warum ist gestorben,
Kraft, die einst tausendfach schuf?
Antwort: Das Volk ist verdorben,
Nicht nur sein goldener Ruf.

Nie haben Spengungsbefehle
Dauernd das Anschaun zersetzt,
Doch wenn das Volk seine Seele,
Und seine Ehre verletzt,

Kann es geschehen, das tote
Dinge wie Rabengekrächz
Dauern als Denkmal, als Bote
Eines verlornen Geschlechts.

Wären die Bögen gespalten,
Sprächen die Trümmer von Wehr,
So aber schauen die alten
Nichts als verlorene Ehr.

Glaubt ihr, o Toren, man grenze
Not oder Pein durch Verzicht?
Krieg ist und schon hundert Lenze,
Ob ihr es wißt oder nicht.


III

Kanonen schmolz man ein für Schienenstränge,
Die Tunnel schmückt der Steinmetz mit Granit,
Die Unstrut hört am Quell schon die Gesänge
Der Toten, was das Vaterland uns litt.

Und doch sie sprudelt und sie wird auch sprudeln,
Wenn deutsches Wort als ausgestorben gilt,
Wenn wir uns so mit Völlerei besudeln,
Daß sie uns ängstigt mit dem Spiegelbild.

Und ihr Gesprüh nährt Eichen, Buchen, Linden,
Solang der Herr die Sonne scheinen läßt,
Und drunter werden sich die Herzen finden,
Die mutig werden, hoffnungsfroh und fest.

Sie werden dieses Land vom Bann erretten,
Den nur ermessen kann, wer schuldfrei liebt,
Den Tod hat überwunden, der die Ketten
Der Welt zerbrach, als er am Kreuz vergibt.