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Aus »Die alte Linde. Erstes Buch«. Gedichte 2012, Vers 40808 bis 40855

UPSTEDTER LINDE


Dies sei der ältste Baum der Welt,
Sind ausnahmsweis Gelehrte eins,
Das ältste Haus im Ort enthält
Als Mahnkopf seines Wappenschreins
Den Lichtbaum, der den Himmel hält,
Wenn alles Menschenwerk verfällt.

Du findst den Riesen up de stee,
Dies meint, man halte dort Gericht.
Wer trüge sonst so Pein und Weh
Und beugte sich dem Winde nicht?
Du gehst durch den gespaltnen Stamm,
Wo sich nach oben jüngt die Klamm.

Sie rief die Freien einst zum Thie,
Wie heut am Totensonntag noch,
So mild wie sie den Schatten lieh,
Ertrug sie auch das Feuer-Joch,
Denn als das ganze Dorf verbrannt,
Hielt ewig jung die Linde stand.

Doch das Jahrhundert Fenriszahns
Schlug auch in das Jahrtausendheil
Die Vorhut Götterdämmerwahns
Und losch der Krone größten Teil,
Der fehlte an zwölf Klaftern nur
Ein Gran in Spanne und Postur.

Kaum flochten im Dreikaiserjahr
Drei Nornen ihren Lindenbast,
Thors Hammer hell zur Stelle war
Und fällte ihren schönsten Ast,
Bald zündelte hier jedes Kind,
Und die Verachtung lag im Wind.

Manch Frommer stützte Äste rings,
Zu halten, was im Strudel trieb,
Vier dutzend Sommer also gings,
Bis sie der Sturm vom Stamme hieb.
Als auch im West die Deutschen rot,
Da galt der Lindenbaum für tot.

Doch in der Zeit, wo deutscher Geist
Fiel nach dem Jazz vor Beat und Pop,
Und Genienscharen abgereist
Mit Dürers Reitern im Galopp,
Erneut sich fern vom Völkermord
Im deutschen Land das Dichterwort.

Nach nochmal vierzig Sommern spürt
Den neuen Ton nur kleinste Schar,
Doch weil der Herr die Seinen führt,
So sind sie nicht der Obhut bar,
In gleicher Weis die Linde macht
Und führt schon Hälfte alter Pracht.