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Aus »Schnitterfest«. Gedichte 2011, Vers 39351 bis 39414

HEGELEI


Uns überrascht im Lexikon,
Daß Hegel noch vor Goethe tot,
Doch Goethen lief die Zeit davon,
Die Hegel viele Jünger bot,
Wer sich des Widerspruchsgeists rühmt,
Wies Dialektik Sinn und Ziel,
Dem sagt der Dichter leicht verblümt,
Es sei mephistophelisch Spiel.

Man suche im Naturbeschaun
Bescheidenheit, die reich sich gibt,
Wenn man, statt dem Begriff zu traun,
Die Dinge als Gestalten liebt.
Wer aber fordert jeden Stern,
Sei auch die Kenntnis lückenhaft,
Dem wird sogar das Nächste fern,
Weil er den eignen Kosmos schafft.

Kaum fiel der Weltgeist zu Berlin
Aus seinen viel zu großen Schuhn,
Die Jünger in die Fehde ziehn,
Wer sei der rechte Erbe nun,
Weil jedem, der es ganz genau
Zu wissen meint, hier etwas frommt,
Zur unbescheidnen Weltenschau
So vieles Unbescheidne kommt.

Die Hegelei als Modesucht
Dem Modenwandel trotzt bis heut,
Wo grad den Klügsten fehlt die Zucht,
Erkranken rings begabte Leut,
Wer jung akuten Wahnen frönt,
Dem Lebensmittags Krönung sei,
Daß er sich seinen Herbst verschönt,
Mit fortgeschrittner Hegelei.

Wer eine Professur erhält,
Entwickelt Sinn für ein System,
Wer einsam lebt in dieser Welt,
Wills wenigstens im Geist bequem,
Und wenn der Todesschauder packt,
Was Pillen halten noch instand,
Ists Trost, wenn man zum Ordnungsakt
Den Schlüssel wähnt in eigner Hand.

Und wenn der criticus erkennt,
Daß etwas unzureichend sei,
So fordert er fürs Parlament,
Es gäbe deren weitre drei,
Dem Staate Bauch, Arm, Kopf und Bein,
Jed Glied halt ungeschmälert hof.
Erst sollte jeder Künstler sein,
Und nun ein jeder Philosoph.

Nicht nur die Alma mater mehrt
Die Infektion der Hegel-Fans,
Auch sonst, sogar im Knast verkehrt
Die sanft getarnte Pestilenz,
Und einer, der im Kerker schlang
Die Hegelwerke, Band für Band,
Ließ später sich dem Abgesang
Auf Selbsterhaltung und Verstand.

Wird es der Weltgeist honoriern,
Wenn das Martyrium nur für ihn?
Gefangnen kann es nicht passiern,
Das Leben wollt den Vorhang ziehn.
Drum, Dialektik-Jünger, hüt
Dich sehr, daß nie die Aussicht frei,
Es könnte sein, daß etwas blüht
Als Spott auf alle Hegelei.