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Aus »In den Isarauen«. Gedichte 2009, Vers 31724 bis 31819

BÜCHERSTADT


München rühmt sich seiner Dichter
Manchem, dens nach hier verschlug,
Mischten Gaslaternenlichter
Falterglanz und Falkenflug,
Unterm Fön der heitern Sinne,
Gerstenräuschen dämmerstunds,
Polemos und auch Frau Minne
Freuten sich des Bardenmunds.

Daß ich auch dahin gezogen,
Fiel in Jena einst das Wort,
Ich war jeder Wahl gewogen,
Denn ich wollte nichts als fort.
Dieser Platz war nah gelegen
An Italiens Wunderaun,
Und mir schien es Heil und Segen,
Dorthin oft und leicht zu schaun.

Palmengrün an der Riviera
Wohnte nah verwandt Marie,
Mein Bezirk, benannt nach Gera,
Kannte nichts als Industrie,
Daß man holder dürfe träumen,
Schien mir klar und ausgemacht,
An des Mittelmeeres Säumen,
Die schon Goethes Aug gelacht.

Meiner Oma Schwester machte
Eine Kreuzfahrt im Azur,
Als noch Glück in Schlesien lachte,
Und wer konnte, ging auf Tour,
Und sie fand die große Liebe
Und im Kapitän die Wahl,
Daß sie wußte, wenn sie bliebe,
Misse sie nicht Rübezahl.

In Kleindeutschland sehr beneidet,
War sie prinzlich uns und Fee,
Sicher schiens, daß niemand scheidet
Von der traumhaft blauen See,
Und ein Foto von der Wohnung,
Wo zum Greifen nah der Strand,
Sprach von glücklichster Belohnung
Jedem, der die Freiheit fand.

Also in die Isarauen
Ging ich, leid das Regiment,
Daß ein eignes Glück zu bauen
Nur bestimmte Muster kennt,
Hier sollt mir das Auge leuchten,
Und sich ründen Werk und Reim,
Und ich schwärmt von Lebensfeuchten
Und vom selbstgeschaffnen Heim.

Als ich für die Sperranlagen
Hatte Visum und Billett,
Dachte ich nach wüstem Wagen
Wärs nicht schwer zu Dach und Bett,
Die Behörden freilich dachten,
Mancher Umweg sei da not,
Eh die Münchner Kindln lachten,
Gaben Main und Donau Brot.

Büchernarr war ich seit Jahren,
Und im Mangelstaate mußt
Mich das Wunderland der Waren
Mächtig ziehn mit Bücherlust.
Doch die erste Bücherstube
Frankfurts, vollgestopft und bunt,
Macht mein Herz zur Mördergrube,
Angewidert von dem Schund.

Dann schon Gießen bracht die Wende,
Und als Straubings Antiquar
Zeigte Georg Bondi-Bände,
Ich schon recht versöhnet war,
Doch gesprengt warn erst die Maße,
Als sei Opium mir geträuft,
Als ich sah die Schellingstraße
Und was dorten angehäuft.

Nirgends sah ich vollre Waben
Als ich Münchens Büchermeil,
Die Großherzog Ernst-Ausgaben
Bot man schon im Fenster feil,
Kaum hatt ich die ersten Märker,
Schleppte ich da Zentner fort,
Jede Nische, jeden Erker
Zierte bald ein Bücherbord.

Später fing ich an zu drucken,
Dann zu schreiben eignen Text,
Manche Kröte war zu schlucken,
Weil die Bücher mich behext,
So ward mir Italien weiter
Als dem Kindskopf, der da frei,
Und mir ward die Jakobsleiter
Eine große Bücherei.

Schwer beladen kommt nach Hause,
Wer durch ein Exil gereift,
Weil die Stirn, die mählich krause,
Dies nicht mehr als Ziel begreift,
Bücher sollten mir vertrauen,
Wo der Himmel wahrhaft blau,
Um den Eridan zu schauen,
Kehrte ich ins Orlagau.