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Aus »Gefangener Schwan«. Gedichte 1984, Vers 2169 bis 2224

SCHLANGENSOHN


I

Blick, der Verweilen gewährte,
Goldaug, von Rätseln bewacht,
Sag mir, o sanfter Gefährte,
Magischer Schwärmer der Nacht:

Wirst du vom Hüter der Herde,
Spieler der Flöte des Pan,
Jählings zum Schnitter zu Pferde,
Taube zerstampfend und Schwan?

Steigt unter fallenden Häuten
Scharlach, aus Schalen gepellt,
Furchtbar der Jäger der Meuten,
Der seine Lieblinge fällt?

Oder umnachtet die Eile
Schrecken von ruchtloser Gier?
Meine geschriebene Zeile
Löst sich vom weißen Papier.

Wo ich dir Eintritt gewährte,
Wo ich zu Spielen und Scherz
Alles verriet, mein Gefährte,
Zieltest du, trafst du das Herz.


II

Flüchtiger, schamroter Wange
Mohnwärts verwunschen, verhallt,
Deine Gespielin, die Schlange
Schweigt dein Geheimnis: Gestalt.

Einzig der ihre, den Normen
Frevler, der Liebe ein Hohn,
Wirst du im Wandel der Formen
Reif für die strengere Fron.

Opfer am Ganzen, von Hunden,
Wächtern von Pappe, verlacht,
Gehst du mit blutenden Wunden
Schweigend ans Ende der Nacht.

Ob dich der Himmel noch sähe?
Ob er verzeih den Verzicht?
Nur eine hungrige Krähe
Schweift um dein mürbes Gesicht.

Ob dich mein Kuß noch erlange,
Goldaug voll Rätsel und Wein?
Bald bist du selber die Schlange,
Traumdunkel schmiegst du dich ein.


III

Hat dich das Sieden der Moore
Fremd durch die Formen gejagt,
Stehst du noch einmal am Tore,
Das dir die Heimkehr versagt.

Hier bist du zögernd zerstritten,
Wähnst du die Erde versäumt,
Aber in Strudeln und Schritten
Hast du sie immer erträumt.

Alles Gependel von Uhren
Hat sich zu Wolken geballt,
Gütig verwischt deine Spuren
Zärtlichster Boten Gewalt.

Und in der kalten Laterne
Bläulichem Schimmer verfall,
Über dir segeln die Sterne
Heim in das schweigende All.