Willkommen

Lebenslauf

Aktuell

Werke

Publikationen

Video

Leserstimmen

Verweise

Besucherbuch

Impressum
 
voriges Gedicht nächstes Gedicht

Aus »Gefangener Schwan«. Gedichte 1984, Vers 1941 bis 2024

SPLEEN


I

Ich warf dir einen letzten Kuß Verrat
Ins Urteil, selbst verfaßter Schrift entfacht,
Und sah den Schritt, der kurz nach Mitternacht
Die Zigarette, halb geraucht, zertrat.

Ich blieb mit Bildern hier, verbraucht und fad,
Von Nachtgestalten, blind und kalt, verlacht,
Ich hatte dir, was ich besaß, vermacht,
Bis ich dich trieb zu Wahn und Opfertat.

Die Liebe war wie der Verrat vergeblich,
Und unklar blieb im Morgendämmer, neblich,
Was war, was wird und was für uns bestimmt.

Und Zeiten, flink und im Entfliehn vergeßlich,
Zerdehnten sich und wurden unermeßlich
Im Zweifel, den mir kein Vergessen nimmt.


II

Ich muß dein Bild in einem Keller lassen
Und alles, was ich deiner Huld gestohlen,
Dort mag es sich ein armer Teufel holen,
Bekommt er noch den Rest von mir zu fassen.

Ich muß dich Schicksal nennen und verfluchen,
Ich greife keinen Sinn in meinen Taten,
Wir habe uns in Ewigkeit verraten
Und müssen uns in Ewigkeiten suchen.

Wir haben wohl verdient, daß man uns lohne
Den Übermut, aus dem wie riefen: schone
Doch lieber Spieler in geringrer Sache.

Und so umschwärmt mich deines Geistes Rache
In Traum und Tag, und wo ich horchend wache,
Vergesse ich die Stadt, in der ich wohne.


III

Ein Gift erhellt mir eine lange Straße
Und lädt den Blick, sich schwer hinanzuhängen,
Sein Name ist vertraut mit meinen Gängen
Und segelt fort wie eine Seifenblase.

Wie bin ich sein Gefäß, Zierat und Vase?
Vielleicht auch nur ein launisches Vermengen
Von Dämonie und Langerweil in Zwängen
Des Überdrusses, dem zerbrochnen Glase

So ähnlich, daß, ob ich es rühm und läster,
Es dirigiert sein schweigendes Orchester,
Darein ich weiter, immer weiter sinke.

Nur manchmal zuckt das Wissen um die Lüge:
Ich kenne das Gesicht, das ich betrüge –
Es ist sein letztes Blut, das ich vertrinke.


IV

Vorhänge, Schleier, Mauern und Verhaue
Sind durchsichtiger als das reine Nichts,
Und ihre Scham ist unecht, des Gewichts
So sehr entleert, daß ich geblendet schaue,

Wenn ich der Farben Deckungskraft vertraue,
Verführungskünsten des gebrochnen Lichts,
Nichts Wirkliches ist solchen Glanzgesichts,
Doch eines wirkt, daß ich ihm Tunnel baue.

Nur Frevel können solcherart verbinden,
Nur Mörder schleichen um vergangne Orte,
Mit allen Schlüsseln einer Tür verbunden.

Nur Frevel kann die Grenzen überwinden
Und findet stets und überall die Pforte
Zum Untergang, zum Übergang: Gesunden.


V

Der Sommer geht, und zwiefach unbeteiligt
Vergilbt dein Bild in meinen kleinen Siegen.
Gehörlos, stimmlos – ach, du darfst verfliegen
In Falter-Nebeln, von Verrat geheiligt.

Nachtschwärmer sind es, dichtende, entrückte,
Der Sagnis bis zum Rand entfernte Künder
Des heimlich offenbarsten aller Münder,
Davon ein Kind zur Nacht Holunder pflückte.

Ich sah sie irgendwann, vielleicht in Träumen,
Inmitten von verlorenen Gesichten
Und einem Berg zerbrochnen Porzellans

Und darf mich auf dem dünnen Eis versäumen
In reinem Warten, das aus dir zu dichten,
Ich Opfernder und Opfer meines Wahns.


VI

Ich bin die Flucht und du ein schwerer Reiter,
Mir zaubrisch dunkel zwischen Ried und Kiefer
Und meinem Blut ein eingedrungner Schiefer,
Verheißung, Opfer, Gift, daran ich eiter.

Du folgst mir durch verschlungne Träume, tiefer
Als wir die Tiefe denken dürfen, weiter
In Nächte, wo die Furien walten, scheiter
Ich nicht an dir, zerfrißt mich ihr Geziefer.

Und schliefe Nacht auf ihren weißen Rosen
Nicht ewig, wär mein Mut in ihrem Tosen
Ein Hauch und glömm in deinem dunklen Kuß.

Wir werden uns ins Unerhörte kosen,
Doch spätestens wird Abschied uns erlosen,
Wenn dich mein Blick am Tage treffen muß.