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Aus »Babylon des Worts«. Gedichte 2007, Vers 17287 bis 17322

DER DICHTER UND DIE MASKE


Die erste Maske trägst du an der Mutter,
Die Seligkeit, wo du doch voller Gier
Verdaust und schlürfst das angemeßne Futter,
Wie später dich berauscht das deutsche Bier.

Dann bist du guter Sohn in Vaters Augen,
Der alles tut, was der so gern getan,
Du willst für seine Hoffnung trefflich taugen
Und gehst voran auf pfeilgerader Bahn.

Du wechselst deine Maske in der Liebe,
Die deine Wege zu Spiralen schlingt,
Wer manchmal Glück verlangt und manchmal Hiebe,
Weiß wohl, wie unerbittlich Eros dingt.

Dann wirst du reif, um einen Spruch zu wagen,
Die Maske nennt sich Eigenheit und Stil,
Das Publikum zu preisen und zu plagen,
Steh jedes Wort am Platz und keins zuviel.

Dann wirst du frech und änderst deine Schreibe,
Manch einer ist entsetzt und schreit im Schmerz,
Du findst in einer neuen Maske Bleibe,
Denn was der Dichter reimt, ist nicht sein Herz.

Du parodierst dich selbst und deine Schüler
Im Wechselspiel zu viert, zu fünft, zu sechst,
Die Maske ist der Hort, drin du die Fühler
Behende nach der nächsten Maske streckst.

Und im Theater meinen manche Gäste,
Sie zahlten nicht, sie würden noch bestallt,
Du tauschst die Rollen und vermeidest feste
Bezüge und wirst in dem Treiben alt.

Die Maske ist das Leben selbst, weil jede
Entlarvung nur verstärkt den Maskentanz,
Und schreibst du ohne Schnörkel deine Rede,
Machst du den Kreis der Maskenvielfalt ganz.

Erst wenn der Schnitter untersagt zu säumen,
Rutscht dir die letzte Maske vom Gesicht,
Doch was man liest und lehrt von Gottes Träumen,
Führt auch der Engel ohne Maske nicht.