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Aus »Babylon des Worts«. Gedichte 2007, Vers 17912 bis 17951

BABYLON DES WORTS


Meint eine Lehre, das Wort sei die Fessel des Geistes,
Weil es die Fülle in eigenen Maßen vermummt
Und in Verwandtschaft vernebelt und tötet, so heißt es
Hier, daß das Reimwort als letzter der Laute verstummt.

Wer sich dem Wort überläßt und den lauteren Klängen,
Die es in Beugung, Verdichtung und Kehre ersinnt,
Findet im Lied, das ihn anspricht auf einsamen Gängen
Adel und Anmut, Gespiele und reiches Gesind.

Aber das Wort ist nicht frei vor den Rufen der Greife,
Wogen des Korns und von Klage im finsteren Moor,
Seiner Bedeutung, Gesellung, Erweckung und Reife,
Ist stets das Land, da die Mutter dich koste, zuvor.

Irrst du dem Heimatlaut fern in gestalteten Gärten,
Auen, die du nicht als kindlich Gefeiter durchkämmt,
Wirst du am Ende vermissen das Heimatvertrauen,
Bleiben dir Weiser, Gefährten und Heimlichkeit fremd.

Ob du von Mauern umgeben, von Türmen, von Bergen,
Einzig ist jegliche Warte und jegliche Klamm,
Daß dir die Furt ihren Führer, die Flut ihren Fergen
Rate, erhoff, wo Geburt dir vererbte den Hamm.

Babylon steht für den Turm, der die Sprachen zerstreute,
Aber zerstreut ist ein jeder, der fern ist dem Quell,
Einzig der Bach, der dich erstmals mit Kühle erfreute,
Weiß dieses Wort und bedeutet es silbern und hell.

Daß du dich nährest vom Blut, das die Väter dir gaben,
Mythen und Mären und Sagen von Tagen so froh,
Darf nicht die einzige Kost sein, das Herz zu erlaben,
Ohne das Licht bleibt es ungestalt, blutig und roh.

Erst wenn Erinnerung wecken die summenden Bienen,
Wenn du im Wein deine eigene Lehmkrume schmeckst,
Darf dich der Glaube und seine Geschichte bedienen,
Wo du dich selber im Heile der Schöpfung entdeckst.

Dies ist die Taufe am unvermischt frühesten Borne,
Wo sich im Wasser der Geist und die Erde berührn
Und dir ein Engel den Psalm mit verwittertem Horne
Hieft, um dich fürder durch eigene Reiche zu führn.

So ist das Wunder gerückt aus den schütteren Schriften
In das Lebendige, das in dir tastet und schmeckt,
Also ist nicht mehr zu scheiden in Weiden und Triften,
Was dir das Aug in den Auen der Heimat entdeckt.