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Aus »Deutsche Passion«. Gedichte 2006, Vers 15071 bis 15130

QUEDLINBURG


Im Wonnemond des Jahres einundachtzig
Lädt Schilling seine Schar zum Maientag
Zu Quedlinburg auf Turm und Wall und macht sich
Zum Sohn von Lindengrün und Finkenschlag.

Er denkt des Voglers, den das Horn zur Beize
Hinausrief, da der Werwolf schweift im Tann,
Er rühmt das Land und seine stillen Reize
Und kündigt eine hohe Stiftung an.

Die Burg, wo Kunde seiner hohen Kür
Heinrich erreicht, daß er des Reiches Haupt,
Ist für den Geist die unverschloßne Tür,
Dadurch er sich in unsre Mythen glaubt.

Dreifach gestaltig ist des Dichters Leite,
Das Deutschtum, lutherisch, dem Nietzsche sah
Den Pfeil der Sehnsucht und in finstrer Weite
Den großen Mittag, Ring und Omega.

Dem mischt sich Traum, waldeinsam, stromgewunden,
Novalis’ Wort, nach Haus zu gehn zur Nacht,
Und Tristan löscht die Fackel, ungebunden
Zu lieben, eh die Sonne neu erwacht.

Das dritte ist der Bann aus Form und Stil,
Die Treue und die hohe Disziplin,
Die uns im Höllenkreis wie ein Vergil
Das Erbe und die Träume läßt vollziehn.

Er zeichnet Wappen und er teilt sie aus
Und manchem ist dabei der Wind zu kalt,
Doch eh die Nacht zerrinnt im Glanz des Taus,
Macht Lammla grad bei Schwan und Scharlach halt.

Ein Jüngerer, der erst die ersten Sprossen
Der Leiter klimmt, die deutscher Dichtkunst steht,
Berauscht sich und bewundert den Genossen
Als frischen Wind, drin seine Fahne weht.

Die Schar zerstreut sich bald in alle Winde,
Nur Lammla, der nach diesem Mythos lechzt,
Der kein Gefolge hat und kein Gesinde,
Wagt sich zum Kyff, davor der Rabe krächzt.

Und Schilling wird der Meister seiner Werke,
Er sinnt im Dank auf Lohn, der diesem frommt,
Und wie er ihn verläßt in Mannesstärke,
Ein neues Amt ins Haus der Dichtung kommt.

Bei Schilling wird der Traum vom Reich zur Schwinge,
Die ihn in Feld und Flur mit neuer Schau
Für Gottes Wunder und den Ring der Ringe
Begabt und stiften läßt in Hain und Au.

Doch Lammla stellt sich der Historie näher,
Für ihn ist nicht die Zeit zum tiefsten Traum,
Der Feind ist nah, und sendet seine Späher
In jedes Haus und läßt uns atmen kaum.

Wird unsre Rasse ausgelöscht, so werden
Auch Schillings Runen aus der Welt verwehn,
Drum laß nicht aus Verachtung für die Herden
Den Schild im Stall, das Schwert im Speicher stehn.

Dein Vers zerreiße das Gespinst aus Lügen,
Das Reich ist kein Zierrat, nicht Rausch und Wahn,
Du sollst das Horn des Stauferherolds fügen,
Daß seine Reiter finden Licht und Bahn.

Dann wird ein Sperber alle Raben köpfen,
Die um die Grotte flattern, und der Eich
Wird grün, was wir aus deutscher Erde schöpfen,
Wird wieder heilig sein und wieder Reich.