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Aus »Fliederblüten«. Gedichte 1981, Vers 795 bis 834

JUDAS ISCHARIOTH


O fahr, mein Leben, rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.

Was muß, o Herr, das Menschenherz erdulden,
Von allen Teufeln stets zugleich verwirrt?
Doch nein, die meine Liebestat entschulden,
Sind schlimmer als der Liebende, der irrt.

Sie werden sagen, um das Volk zu retten
Geriet der Plan, der meinen Herrn versucht,
Und andre, geistig ärmere noch, wetten,
Ich sei von allem Anbeginn verflucht.

Ich habe nur geliebt, wie Menschen lieben,
Mag sein, mich selbst in ihm, und möglich sei,
Daß uns gerade dort Dämonen schieben,
Wo Wollen wählt und, wie wir glauben, frei.

Ich laufe und ich höre die Trompeten
Des Irrsinns: handle rasch, solang du denkst!
Verbrauche zu Visionen und Gebeten
Die wilden Kräfte nicht, bevor du hängst!

Ich ließ die Stadt, die ekelhaft verdreckte,
Ein Spinnennetz von Götzendienst und Geld,
Und hör die Stimme, die mich oft erschreckte,
Liebkosen noch auf gottverlaßnem Feld.

Wir zogen lang zum Garten, wo entscheiden
Du solltest, und mein letzter Kuß gebot
Gewißheit, was geschrieben steht und beiden,
Doch nun erkenn ich dich als meinen Tod.

Und meine Jugend wird am Strick verkommen,
Und keine Macht dir, mich zu strafen, blieb,
Denn da du das Gericht auf dich genommen,
Verrietst du, was mir heilig war und lieb.

Ich weiß, daß ich der Teufel bin und läster,
Doch dies verschlimmert kaum, was längst zuschand,
Und dieser Ast, dies glaube wohl, ist fester
Als Jüngerschaft, die mich im Leben band.

So fahr mein Leben rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.