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Aus »Fliederblüten«. Gedichte 1981, Vers 835 bis 918

AMOR INTELLECTUALIS


I

Einst zogen wir vertrauend los und hielten
Im Meer, das in der Musen Herrschaft stand,
Auf kühner Fahrt, die kein Genügen fand,
Auf Sterne Kurs, die auf dem Wasser spielten.

Wir überließens bürgerlicher Enge,
Zu messen, was der Fang an Reichtum barg,
Jedoch am Ende war die Ernte karg,
Nur wenige erreichten schöne Strenge.

Die schlugen ihre Lager an den Quellen
Und in Gebirgen auf. Die Lebenswaage
Sprach Tod in Nächten, Tod am nächsten Tage.

Das Grabmal aber, so gelebt, den Zeiten
Unsterblichkeit, bezwang den Tod in hellen,
Saphirenen und stolzen Einsamkeiten.


II

Wir fanden uns am Nabel des Modernen
Zu viert, ein Kreis verschwenderischer Hirne,
Durchforsteten Geschichte und Gestirne
Nach Träumen, uns verwandten, in Tavernen.

Aus kahlen Schluchten schlugen Kaktusblüten,
Und Götter traten ein und ungeschlachte
Gestalten, die, solang uns Bacchus lachte,
Erbaten, daß wir deuteten die Mythen.

Auf Bergen sahn wir Adler Schlangen tragen,
Die Wehmut trieb das blaue Meer zur Nacht,
Diotima der Zärtlichgroßen dacht...

Doch Bacchus ging so bald, und auch die Schar
Verstreute sich in bunten Tagesfragen,
Bis ich allein mit meinen Träumen war.


III

Wir sahn die Stadt. In fliehend aufgereckten
Gebäuden, wo in glasbedeckten Schotten
Blutsauger ihre Brut zusammenrotten,
Erahnten wir Büros von Architekten.

Hier wachte Macht in unbedachten Schritten,
Daß, was der Mensch dem Menschen schuf, versage,
Wir staunten, etwas abseits nur am Tage,
Auf Sicherheiten, die uns jäh entglitten.

Die Straße wurde breiter, und die Türen,
Die in Gespinste, undurchdringlich, führen,
Versprachen Schmerz dem Schauenden und Schrecken.

Wir durften Sonne, staubvermischte, spüren
Als Schinderin und Schmach, das Blut zu schmecken
Der Opfer, die in dieser Stadt verrecken.


IV

Die Morgennebel durften uns behagen
In Merlins Reich, und wie die Jahreszeiten
Im Tagesablauf ihren Abglanz breiten,
Fand Tollheit, die erwachte Herzen tragen,

Verwandelt, was die Wege fleckt und flutet
Mit Mustern mancher Gegend, die wir rüsten.
Oasen sahn wir, Sphinxe, goldne Küsten,
Wenn in Pergolen Herbstbefallenes blutet.

Wie wußten nicht, daß unsre Quelle speiste
Ein Wort, das auszusprechen uns verboten,
Und nahmen als gegeben das Bereiste.

So wehrte uns kein Taschentuch mit Knoten,
Daß spurlos uns verließ das Allermeiste,
Kaum daß die Flammen dieses Tags verlohten.


V

Der Bahnhof lag verstört wie ein Orakel,
Das immer sagt: Wie sinnlos – euer Tun!
Wir trotzten ohne Hoffnung, denn zu ruhn,
Schien schlimmer als das blödeste Spektakel.

Die Güterzüge quietschten auf den Weichen
Und standen mit der lauen Nacht im Zank,
Da lehnte am zerrißnen Fahrplan schlank
Der Freund, den wir begehrten zu erreichen.

Er nannte seinen Namen und verneinte
Vergeblich, der Gesuchte uns zu sein,
Und dachte wohl, bei ihm läg solches Glück.

Wir konnten nicht begreifen, was er meinte,
Doch da fuhr schon mit Lärm der Nachtzug ein.
Wir stiegen ein und kehrten nicht zurück.


VI

Der Morgen kam, und seine erste Röte
Schlich wie ein Katzentier in unser Zimmer.
Wir saßen stumm und bettelten den Schimmer
Der Sonne, daß sie letzten Aufschub böte.

Wir glaubten nicht, daß die verlorne Stunde
Zurückkehr und ein letztes zu erklären
Uns bliebe, doch wir harrten aus, als wären
Wir steinalt, und das Wort erstarb im Munde.

Die Hände, blutlos und verwelkt, umwanden
Relikte eines Sommers, dem ein zweiter
Wie er sich selbst, an diesem Tag abhanden.

Und Schwalben, suchend reingeschneit, um weiter
Zu fliegen, flohn. Wir schauten sie, verstanden,
Und sahn uns an, noch einmal, fest und heiter.