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Aus »Fliederblüten«. Gedichte 1981, Vers 419 bis 468

WEIDENGESANG


I

Du, auf den dunkelnden Wassern,
Bist du mir gütig gesonnen?
Des Abends Verwandlung wird kommen.

Sonne, uralter, versinkst du,
Willst du nicht sehn, ob ich schlafe?
Der Abend deckt Wölfe und Schafe.

Weide, geschmeidige, weiche,
Wirst du mir beistehen, wenn ich
Den Abend allein nicht erreiche?


II

Nur wo die blinden Farben
Die Farbenschwere fliehn,
Solln unsre gleichen Narben
Noch einmal weiterziehn.

Denn eine Frau, verschleiert,
Sie trägt den Mond allein,
Die Nacht, dahin sie feiert,
Muß unermeßlich sein.

Wo Schweigen, angesammelt,
An ihren Fingern klebt,
Ein Lied, im Wahn gestammelt,
Den Weidenbaum umschwebt.


III

O du Weide, verhaltenes Wiegen
Der vergangenen Lichter, sag, schlüge
Deinen Wurzeln das Winterglas Wunden
Ohne Anwort im Echo der Nächte?

Sind die hauchdünnen Zeichen, die Silben,
Was verquollenen Schlünden entronnen,
Auf dem Schrei viele Wasser, wo keinem
Je gereicht ward das Letzte, nur einmal,
Wo ich eintauch ins Alles-Begehren.

Wo das Scherbenblut, kupfernes, schillert,
Auch die Schatten am Ufer zerbrechen,
Und ein Wetterbaum wuchert in Himmel,
Wenn das Ganz-Haben-Wollen umhergeht,
Daß die Nacht, die gestürzte, sich zwinge
Durch verknotete Zweige, die zittern.


IV

Weites Gäst im Schimmer
Sternheller Nacht,
Selbst sich betörend, versucht es mich immer
Sacht.

Keiner der Lieben verstünde
Antwort zu geben dem werbenden Baum,
Trauer und Traum
Sind seine Gründe.

Er übergibt sich den Zweigen,
Reifend
Zwischen noch dunkleren Gästen.

Keiner bewacht ihn begreifend,
Unter den Ästen
Wanderer, hast du zu schweigen.