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Aus »Idäisches Licht. Zweites Buch«. Gedichte 2006, Vers 12447 bis 12494

ZYPRESSE


Der Habitus dicht und gedrungen,
Als friere sie, was oft auch stimmt,
In Nebel und Norddämmerungen
Man ungestraft selten sie nimmt,
Im Lichte des Ida gewachsen,
Beschenkt, daß sie grüne und schmück,
Macht sie die Alleen zu Achsen,
Doch spricht sie kein Wörtlein vom Glück.

Ob bräunlich, ob bläulich, ihr Grünen
Im buschigen Selber-Verhülln,
Gemahnt uns an Büßen und Sühnen,
Als wollt ein Gesicht sich zerknülln.
Als sei sie ihr eigener Zapfen,
Ein Aug, das sich duckte ins Hemd,
Ein Fuß, der verwurzelt im Stapfen –
So sagt sie, sie bleibe uns fremd.

Es ist kein Geklag, kein Gegrantel,
Doch Dunkles ist fraglos im Schwang,
Ein Dichterwort sah einen Mantel,
Den über den Degen man schlang,
So tief ist die düstere Pose,
Daß alles Begreifen verstummt,
Und niemand will offen und lose,
Was also bestimmt sich vermummt.

Sie mischt allem Glanz etwas Fades,
Als sei alles Blühen Getu,
So gilt sie als Botin des Hades
Und raunt uns im Kehrreime zu,
In Gärten der Unterwelt grüne
Sie heimisch, dem Lenz wie dem Herbst
Nicht Schaustellerin oder Bühne,
Und nichts, daß die Wangen ihr färbst.

Auch wenn sich die Zweige zerklüften,
Wird doch die Gestalt nicht konkav,
Man schaut eine Vielzahl von Grüften
Vereinigt im ewigen Schlaf,
Sie zeigt eine Neigung zum Starren,
Wie selten das Leben sich müht,
Das Rätsel in ihrem Verharren
Befriedet das hellste Geblüt.

Die Priester des Ida verschollen
Und alle Mysterien verwaist,
Es schweigen, die hoffen und wollen
Den Himmel und Gipfel, vereist,
Doch sei es aus Hochmut und Sünde,
Aus Weisheit, aus Philosophie,
Daß man ihre Trauer ergründe,
Erlaubt die Zypresse uns nie.