Willkommen

Lebenslauf

Aktuell

Werke

Publikationen

Video

Leserstimmen

Verweise

Besucherbuch

Impressum
 
voriges Gedicht nächstes Gedicht

Aus »Idäisches Licht. Erstes Buch«. Gedichte 2006, Vers 11722 bis 11777

ARIADNE


I

Die Heiligste, der Kreta Fruchtkraft dankte,
Verehrn auch Zypern, Naxos und Athen,
Die Insel Delos, die im Meere schwankte,
Hat auch für sie ein Heiligtum ersehn.

Von Minos kommt sie, der den Flügelwachser
Hieß baun des Minotauros Schreckensstatt,
Den sühnend Mord, die Stadt Athen in laxer
Gewährung füttert, bis er prall und satt.

Doch Theseus führt die Opfer-Jugendlichen,
Sein Aug der Ariadne Herz umflicht,
Ihr Geist ist nie von seiner Hand gewichen,
Ihr Wollknäul und ihr Schwert gewannen Licht.

Er floh mit ihr, jedoch dem Gott der Rebe,
Ließ er, die traulich tief auf Naxos schlief,
Der Wein, der sagt, daß er uns alles gebe,
War stärker als die Braut, die schluchzend rief.

Die Augen, die so hart gelitten haben,
Sind Keimen hold, in karges Land gesät,
Sie mag die Kreter mit den schlichten Gaben,
Und manchmal hängt im Ölbaum ihr Gefäd.


II

Die Minostochter stieg zu höchster Weihe,
Doch Theseus liebt sie noch im hehrsten Stand,
Sie hat sich für den Schatten heiß verwandt,
Und ihr Gemahl entführte ihn ins Freie.

Nur selten weiß die Sage zu berichten,
Daß einer aus dem Hadesdunkel kehr,
Doch wer das Labyrinth verließ im Lichten,
Dem bleibt die Hand auch überm Styx nicht leer.

Sie ist die Kraft, die Tod und Kerkermauer
Bezwingt und den Erwählten stählt und führt,
Wer sie geminnt, den können Horn und Hauer
Nicht letzen, weil ihm alles Heil gebührt.

Sie ist die Treue, die Vergebung breitet
Als Mantel, der uns wärmt und purpurn feit,
Was je erlöst, sie hat es vorbereitet,
Und sie bleibt wirksam noch in später Zeit.

Der Weinberg ist ihr Heim, der manche Jünger
Gesegnet, denen Gott das Ziel der Fahrt,
Wenn etwas wächst, so danke nicht dem Dünger,
Weil sich allein das Opfer offenbart.


III

Der Faden bleibt der Schirmer allen Strebens,
Wer sich bewahrt den schlichten Woll-Patron,
Den leitet durch das Labyrinth des Lebens
Die Nabelschnur von Morgenrot und Mohn.

Die Schlüssel sind uns frei und überliefert,
Doch wer vergißt, was sich mäandrisch sagt,
Steigt in den Ring, der sich mit Trug durchziefert,
Als Narr, der ohne ein Refugium wagt.

Drum dank dem Tag, der dir das Knäul vermachte,
Die Liebe gab es hin mit einem Schwert,
Weß Müh kein Aug mit Liebestränen dachte,
Dem bleiben Sieg und Heimatweg verwehrt.

So schließt sich von der Fruchtbarkeit der Äcker
Zum Heil des Manns ein Kreis im Herzensblut,
Und was uns schickt zu strenger Fahrt und kecker,
Es ist ein Kuß und unsrer Liebsten Gut.