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Aus »Idäisches Licht. Erstes Buch«. Gedichte 2006, Vers 10862 bis 10947

FAUNISCHES WORT


Für Wolfgang Schühly

I

Es träumt, bewacht von Stachel, Dornicht, Panzer,
Verwunschnes Herz, allein von Ahndung wund,
Von Wandlungen zu ungeteilter ganzer
Erfüllung aus dem eignen Muttergrund.

Das ungeprägte Gold gab noch kein Stanzer
Zu Wechsel frei, zu Irrung, Joch und Schwund,
Doch Wind, der Jäger mit dem Schmeichlermund,
Ist nicht nur Schnitter, sondern auch der Pflanzer.

Er ist bedenkenlos und ist Erglüher,
Der Flammenschläger aus dem Funken früher
Gefährdung, die das Herz nicht missen mag.

Und ruft der Lenz den großen Gold-Versprüher,
So wechsle von Diogenes zu Blüher
Und ohne Waffen opfere dem Tag.


II

Es herrscht der Mond der Sommersonnenwende,
Wenn Pan im falarsanischen Gestein
Erwacht und Faune sich im Fels-Gelände
Ergehen und im lichtdurchtränkten Hain.

Doch sag, wer säng das Maienlied zu Ende
Und höb das Haupt und blieb im Herzen rein –
Wer wagte sich dem neuen Herrn zu weihn
Und weigerte dem linderen die Spende?

Er bleibt dem Zug des Jahres der Entgleiser,
Sein Wind, der sanft entfernt und noch viel leiser
Zusammenführt und viel zu viel verspricht.

Wir stehn in seiner Hut, wenn wir die Reiser
Entflammen und der weiseste der Weiser
Die Tat verlangt und einen Traum zerbricht.


III

Ob Worte galoppieren, ob sie schleichen,
Ob einer meißle, schmied, mit Zungen red,
Ist für den Gott, der solche Siegeszeichen
Erobert, so, als ob der Wind sich dreht.

Doch wir, die nur mäanderwegs erreichen
Das Glück, daß unser einsamstes Gebet
Die Form vollbringt, die an das Alphabet
Der Götter rührt, verzehren uns nach Gleichen.

Denn Gleicher unter Gleichen sein ist heute,
Da Gleichheit absank zur Hyänenbeute,
Zur Augenweide, die am Markt verdirbt,

Mehr Opfer noch als Privileg, und scheute
Der Pöbel, wär doch einer da, die Meute
Zu hetzen, daß der neue Orpheus stirbt.


IV

Glaub nicht, ich sei gefaßt und in mir gäre
Kein Frühling liebestoll und fahrtenfroh,
Ich reiste selbst mit Charons schwarzer Fähre,
Mich bremst Megaira nicht, noch Alekto.

Als Alchymist, der sich auf die Chimäre
Versteht und zwiespricht mit Homunculo,
Setzt du den Zauberspruch und reimst ihn so,
Daß selbst die Argo ohne Steuer wäre.

Doch solltst du lieber selbst die Flügel breiten,
Bereit, den Stier der Kreter zuzureiten,
Daß dich nicht schreck der Herr des Labyrinths.

Nur wenn du überfliegst die Macht der Zeiten,
Erglüht im Lied, im Sommernacht-befreiten,
Die grüne Fee des pontischen Absinths.


V

Die Welt ist faunisch wie die Menschenseele,
Die ihre Größe nur dem Drang verdankt,
Daß Blut sich mische und die Lust nicht fehle,
Ob auch das Aug in Selbst und Fremdheit schwankt.

Drum faunisch sei das Lied aus deiner Kehle
Als sei der Wein, den ihr am Ölbaum trankt,
Ein Mittler, der das große Los entschrankt,
Daß Scham, was Zeus gemäß ist, nicht verhehle.

Das Lied, das Kretas Größe faßt, zu finden,
Mit Aquarellen leuchtend einzubinden
In Ziegenhaut als Wiegenlied des Zeus,

Hast du gewagt, bevor die Bilder schwinden
Und nur den Traum der Götter froh umwinden,
Das Licht des Ida sei dir frei, erneus.


VI

Der Faun ist ganz in Griechenland zuhause,
Nur wo die Quelle, Baum und Felsgestein
Beseelt sind, kann ein solches Wesen sein,
Es wäre sonst nur eine Dichterflause.

Er stellt sich nicht in einem Garten ein,
Der fürchtet, daß die Sinnlichkeit ihm grause,
Er lebt und liebt und macht da niemals Pause,
Was manchen schreckt, das ist ihm noch zu klein.

Ihm ist der Tod kein gräßliches Gerippe,
Er nimmt die Götter gern mal auf die Schippe,
Denn auch der letzte Odem ist ein Kuß.

Drum lausch dem Meer auf einer spitzen Klippe,
Ob auch dein Mund am Schaum nur wenig nippe,
Erfährst du doch, daß alles wahr sein muß.