Willkommen

Lebenslauf

Aktuell

Werke

Publikationen

Video

Leserstimmen

Verweise

Besucherbuch

Impressum
 
voriges Gedicht nächstes Gedicht

Aus »Heliodromus«. Gedichte 1993, Vers 7552 bis 7623

WÜRFELSPIEL


Zieht der Mai mit bunten Bändern
In das Tal der Herzen ein,
Soll das Spiel mit Los und Pfändern
Schicksal und Versuchung sein,
Du, durch Winter nicht zu ändern,
Vogelherz von Elfenbein
Machst die Heischenden zu Spendern,
Schuld zu Rausch und Gut zu Wein.

Lindenschatten, Lenz der Minne,
Heidnisch unter dünnster Haut,
Wenn ich dieses Spiel gewinne,
Hab ich mir ein Haus gebaut,
Doch verlier ich Geld und Sinne,
Setz ich Seelenheil und Braut:
Woge Glück und Netz der Spinne
Und ein Trunkener, der schaut.

Du, der Schäbigste von allen,
Heilig, aber nicht im Geist,
Darfst den Rest des Abends lallen,
Wenn du mir den Vorschuß leihst,
Mich zum nächsten Spiel bestallen
Sollst, solang der Becher kreist:
Sagst du, wie die Würfel fallen,
Sag ich dir, woher du’s weißt.

Wenn der Ritter fehlt dem Junker,
Wahrt die Regel nur das Spiel:
Fisch auf drei und Schuldenbunker,
Straße, Pasch und Götter-Stil!
Meine letzte Silberklunker,
Die noch nicht der Schur verfiel,
Geh mit Dichtung und Geflunker
Vor mir selbst durchs dunkle Ziel.

Hasenohr und Hundskamille,
Karten wären längst gezinkt,
Jeder Spieler liebt die Stille,
Doch wer recht hat, wird gelinkt,
Auch das Alter liebt die Grille,
Die im Glanz der Würfel blinkt,
Doch der Jugend frommt der Wille,
Der sich keinem Ziel verdingt.

Sieh nur, wie die Würfel rollen,
Dieser Vogel wird mir feist,
Während fern die Wetter grollen,
Liegt die Tafel abgespeist,
Bald sind wir, die aus dem vollen
Schöpfen, einsam wie zumeist:
Sagst du, was die Götter wollen,
Sag ich dir, woher du’s weißt.

Langsam leert sich das Theater,
Ziel für manches Spott-Geschoß,
Sieh hinauf zum Himmelsvater,
Ganymed, sein Bettgenoß,
Fragt uns nicht in diesem Krater
Ohne Wappen, Schild und Roß,
Ob man uns den nächsten Kater
In den leeren Becher goß.

Unsre Augen auszubeuten,
Macht der Würfel sechsfach kund,
Auch geschmückt mit Schlangenhäuten,
Bleibt der Beutel ewig wund,
Ich hab manches zu bedeuten,
Hab zu manchem Schauder Grund,
Aber eh die Glocken läuten,
Muß die Neige in den Schlund.

Horch wie Gottes Mühlen mahlen,
Doch ich raube weitgereist
Einer Zwiebel nicht die Schalen,
Wenn mein Lied die Mitte preist,
Du, mir treu in Lust und Qualen:
Sagst du, wie der Teufel heißt,
Der die Zeche soll bezahlen,
Sag ich dir, woher du’s weißt.