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Aus »Der Weiße Falter«. Gedichte 1992, Vers 5795 bis 6010

DAS REISEBUCH


I

Wo der Schnee erst spät zu tauen
Anfängt, steht dein Zelt gepflockt,
Nicht im Kreis der weisen Frauen
Hast du stumm am Herd gehockt.
Doch in den Mäander-Gauen,
Als berührt dein Atem stockt,
Nahm die Gärtnerin der blauen
Blume Brot, in Milch gebrockt.

Wenn die Otter-Brüder fischen,
Räumtest du schon lang das Feld,
Deine frische Spur verwischen
Schweine, denen Schlamm gefällt.
Sonnenreichen, regnerischen
Tagen bleibt dein Fuß gesellt,
Immer stehst du bloß dazwischen,
Niemals ganz von dieser Welt.

Wo der Echs wie eine Spange
Einen Sonnenflecken ehrt,
Sah die Lenkerin euch lange
Zweisam nicht einander wert.
Was als Blut in Hirn und Wange
Kreist und dich mit Traum beschwert,
Ist der unsichtbaren Schlange
Aura, die dich ganz begehrt.

Niemand wird ihr Wort entsiegeln,
Aber wenn die Wasser blank,
Sagen ihr, verlorn in Spiegeln,
Alle Bilder lob und dank.
Füchse werden dich entigeln,
Wie Narziß am Quell ertrank,
Aber sie, nicht aufzuwiegeln,
Hortet, was dem Tag entsank.

Welchem Strom sie Wehr und Buhne,
Welchen Wolken sie der Wind?
Acht löscht ihre neunte Rune,
Wer sie rät, von vorn beginnt.
Nicht den Rhythmus der Monsune
Darfst du wissen, zeitlos blind,
Denn die Minnemacht-Immune
Hat den reinen Tor geminnt.

Sagt sie dir, im Herzgrund Schwimmer,
Wer dir je begegnen darf?
Knirschend in Granit und Glimmer
Stößt das Schwert, für Herzen scharf.
Selbst Walküren, Mannheit immer
Freund und Waffenklangs Geharf,
Schaudern, weil den Speer dein grimmer
Arm ins Unbemeßne warf.

Daß dich Übermut erfreue,
Duldet sie, die dunkle, nicht,
Einsam unter Himmelsbläue
Stehst du waffenlos im Licht.
Was du birgst in heimatscheue
Schweigsamkeit, hat kein Gewicht
Hier, doch steht die ganze Treue
Dir als Narbe im Gesicht.

Mancher sieht den Nachtgesandten,
Zögling aus dem Reich der Hel,
Andre, daß im Abgewandten
Feuer, das herabfällt, schwel,
Doch die Kunst des Unerkannten
Schürft aus deiner Haut Befehl
Nur den blauen Diamanten,
Bösen Blickes Kronjuwel.

Deinen frühsten Traum zu schauen,
Hast du manches Zelt gepfählt,
Sturm verheerte Forst und Auen,
Sonne hat die Haut geschält.
Doch wo Otter spielend bauen,
Juni-Tag dein Herz erwählt,
Hat die Gärtnerin der blauen
Blume dir dein Los erzählt.


II

Ritter, der die sieben Pfähle
Auf dem Schilde, blau und blank,
Führt im Schwertwald und durch Säle,
Wo man prunkt mit Vers und Schwank,
Deine Weiberlisten zähle
Und des Teufels »Gott sei Dank«,
Daß die Natter dich erwähle
Und dein Lindenholz umrank.

Wo sich Laut und Strich verbünden,
Liturgie Magie erlaubt,
Flüchte in Gelächtermünden,
Weil Merkur die Waffen raubt,
Wo der Übermut die Sünden
Zahllos macht und keiner glaubt,
Daß die Runen Unheil künden,
Heb den Trank und stolz das Haupt.

Narr bist du im Kreis der Raben,
Tod dem Schwan, der dir verfiel,
Die nur ein Arkanum haben,
Reizen nicht zum zweiten Spiel.
Dem die Bienen Stock und Waben
Willig lassen, weiß das Ziel,
Doch er hat sein Herz vergraben
Vor der Frau am Roten Hiel.

Sie, Onyx und Alabaster,
Ebenholz und Elfenbein,
Kennt die Tugend nicht, das Laster,
Nicht das Glück und nicht die Pein,
Sie, die Bildnerin verblaßter
Träume, die im dunklen Wein
Leuchten, doch in grobem Raster,
Läßt in ihren keinen ein.

Dir ist andres aufgetragen,
Leuchtend, doch nur dem gewahr,
Der entkam der Burg der Klagen
Und der Festung der Gefahr.
Wer sich selbst als Pilz im Hagen
Aufaß, schaut im Dunkel klar
Und im Sold vergeßner Sagen
Deine Stirn von Adolar.

Wachse mit des Mondes Helle,
Werde selbst zum Horn und ruf
Nachgeschatt und weih die Stelle,
Die zertrat des Einhorns Huf.
Daß das Zeichen reif und quelle,
Daß ein Tropfen Blut erschuf,
Sei dein Hierophant die Welle
Und ihr Gleichnis dein Beruf.

Milchweiß und mit blauem Schimmer
Sei Delphin im Nacht-Geleucht,
Der, sobald er auftaucht, immer
Wie in höchster Wollust keucht,
Öffnet Uranus sein Zimmer
Überm Wind, der Wolken scheucht,
Ist der Stern der beßre Schwimmer,
Doch das Leben atmet feucht.

Lösch vor Tag den Lebensfunken,
Daß die Maya sich gestalt,
Zwar läßt alles, was versunken
Und was kehrt, die Götter kalt,
Doch ein Zauber macht sie trunken,
Der im Reim des Werdens hallt,
Du, sein Dichter, hast gewunken,
Wenn der Aar den Hirten krallt.

Ritter du der sieben Pfähle,
Doch von weiter kommst du her,
Durch der Mythen Blut-Kanäle
Trägst von Weib und Mann die Wehr.
Traum um Traum vom Schatten schäle
Und zuletzt den Kern verzehr,
Daß die Natter dich erwähle,
Daß sie heim zu Soma kehr.


III

Wie du anfingst, wirst du enden,
Was am ersten Tag tabu,
Führn die Götter, die dich blenden,
Auch dem letzten Tag nicht zu.
Deine Zeichen auszusenden,
Dienten Gift und Flügelschuh,
Doch du wirst den Spruch nicht wenden,
Das Orakel: Das bist du.

Als wir an der Weide lehnten,
War der Tag uns kaum erwacht,
Aber wir, die Schlaf ersehnten,
Sprachen Hymnen an die Nacht,
Schwermut, die wir sorgsam dehnten,
Blieb an Farbe arm und Fracht,
Doch Apoll erließ den Zehnten
Und Saturn die ganze Pacht.

Nicht zu herrschen, nicht zu hüten,
Wies der Engel uns den Gral,
Und am Saum der Wandlungsmythen
Reizten nicht Figur und Zahl.
Wo die Sehnsucht, drin wir glühten,
Todeslust und Lebensqual,
Rief der Duft der Fliederblüten
Heim zum letzten Abendmahl.

Als die Sonne höher rückte,
Fiel der Stolzeste im Ried,
Daß das Blut, das dich bezückte,
Dich zum zweiten Schritt beschied:
Heller als sein Kranz dich schmückte,
Flog dem Falken gleich das Lied
Aus der Blindheit, die dir glückte,
Aus dem Aug, das tiefer sieht.

Weiht der Stern dein Herz zum Krieger,
Rune spricht aus Stein und Bast,
Fand das Holz in dir den Bieger,
Bist du nicht mehr fremd, noch Gast.
Doch in die Figur der Flieger
Lies die Botschaft eingefaßt:
Nach dem Engel kommt der Tiger,
Der dich schlägt im Mittagsglast.

Seine Opfer zu verschmerzen,
Bist du dennoch ausersehn,
Deine Jugend auszumerzen,
Wird Merkur im Dämmer stehn.
Siebenarmig trägt er Kerzen
Und der Schwerter stößt er zehn
In den Leib, der deinem Herzen
Wonnen schuf, die nicht vergehn.

So beraubt von Lust und Zielen,
Geh allein und sei verschrien,
Du vermutest ihn in vielen,
Doch in keinem fandst du ihn.
Nur die Narben, nur die Schwielen
Wissen, wie die Sonne schien,
Nur der Gaukler weiß zu spielen,
Wenn die andern sich verziehn.

Er lehnt spät noch an der Weide,
Bernsteinring und Silberstift
Siegeln ihm den Quell und Eide
Wie der Pfeil, der jeden trifft,
Wenn der Otter grüßt, sind beide
Eins und, bis das Horn der Hift
Tönt, gehüllt in dunke Seide
Und gesalbt mit Schlangengift.

Wie du anfingst, war er leise
Und entnahm dem Schrein die Schuh,
Heute dient er dir zur Speise
Und er geht in dir zur Ruh.
Auch das Tagebuch der Reise
Schließt er ganz gemächlich zu,
Und es tönt die alte Weise,
Das Orakel: Das bist du.