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Aus »Der Seerosenritter«. Gedichte 1990, Vers 3645 bis 3720

AM KREUZWEG


I

Die sind die bleichen Gewalten,
Launen von Qualle und Quarz,
Die sich im Kreis der Gestalten
Immer wie Brücken verhalten,
Stygische, vierfach und schwarz.

Wo Hyakinthos zu bluten
Anhebt in schwindender Zeit
Und dich Gesichte befluten,
Darfst du nur dunkel vermuten,
Welches der Worte befreit.

Und du begreift, daß die Toten
Nah dir sich sammeln zum Fest,
Wo ihre Scheite verlohten,
Wird dir die Kreuzung zum Knoten,
Bannwald, der keinen entläßt.

Magische Worte, Machandel,
Morchel, Medusenhaupt, Moor ...
Und im Aroma der Mandel
Wandlerin, selbst ohne Wandel,
Schickt ihre Hundsbestien vor.

Wer, unter Menschen geboren,
Hielte sich mannhaft und frei?
Schierling und Eiter vergoren
Schlangenbewacht in Amphoren
Brennkraut und brodelnden Brei.

Aber die jagdliche Lanze
Aus dem Verdunkelten dringt,
Wo eine spätere ganze
Weisheit im reiferen Tanze
Palme zu Delos besingt.

Was ihre Heiligkeit gerbte,
Wermut, Zypresse und Pfeil,
Siegt über Rachsucht-verderbte
Künste, die Wundfieber färbte,
Daß dir das Augenlicht heil.

Erbin der mondnen Mysterien
Schirmt sie Geburten und Jagd,
Weiß sich die Sonne in Ferien,
Mischt sie den Gaukler zu Serien,
Bis er die Seerose sagt.


II

Viele Namen trägt die Silberleuchte,
Die sich ründet, schlankt, versteckt und füllt,
Sie gemahnt ans Gärende, ans Feuchte,
Das den Geist in Mohn und Moder hüllt.

Was in Rudeln jagt, ist ihr verschworen,
Ihre Bleiche macht die Welt dual,
Unerbittlich sind die Mittnacht-Foren,
Da nur Freund und Feind erkennt die Wahl.

Als der Mann die Sonnenstadt erbaute,
Blieb dem Weib der Ring von Keim und Tod,
Da es seiner Führerschaft vertraute,
Zog in Tann und Ried das Ährenbrot.

Aber die Kultur ist eine Decke,
Die ein Windstoß schon zusammenrollt,
Mit dem Sonnentage schweigt der Recke,
Wenn Verstoßnes mit Verdrängtem tollt.

Frühe Namen heißen Gier und Schlächter,
Offen strömen Blut und Lustgeschrei,
Später wird geheimnisvoll der Wächter,
Stumm und fährlich wie der weiße Hai.

Und am Kreuzweg wird die Glut zum Zeichen,
Wenn das Schicksal gähnt und nichts verspricht,
Macht und Mantel sich im Schrecken gleichen
Und das Kraut erwacht im Silberlicht.

Blust und Same horten Heil und Gifte,
Richter, die nach Stunde, Feuchte, Stand
Urteiln, wer die Zaubergärten stifte,
Wen der Styx in Finsternisse bannt.

Tiefer wird die Nacht, wo brackig Wasser
Laub und Rohr vermischt mit Kot und Aas,
Wird die Schwärze schwankender und krasser,
Leuchtet auch der Blust im Göttermaß.

Seeros heißt das Auge dir im Weiher,
Aber du, an Sorge reich und Pflicht,
Bleibst im Vorhof dieser Königsfeier,
Deine Stunde kam bisher noch nicht.