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Aus »Weckruf und Mohn«. Gedichte 1988, Vers 3525 bis 3560

WECKRUF UND MOHN


Wie Licht und Schatten stets beisammen sind,
Die Stille erst erfahrbar macht der Wind,
Wie etwas fern, damits der Wandrer find,
Ist auch der Traum der Auferweckung Kind.

Endymion, der Hirt und König war,
Ein reiner Spiegel, wellenfrei und klar,
Blieb einer Lieb und brachte sich nicht dar
Dem Zeitenlauf mit buntgescheckter Schar.

Das Haupt gesenkt, denn Trauer ist der Preis,
Daß sich die Jugend unvermindert weiß,
Ganz ungestaltet im Planetenkreis
Bleibt der Kristall allein im Gletschereis.

Die Sehnsucht ist sehr groß in jeder Zeit,
Daß grade das Vergänglichste gefeit,
Daß der Epheb Moirenmacht bestreit,
Die Höhle fänd vor Tag und Lichtes Neid.

Dies Bild hat die Erfahrung eingefaßt,
Daß jeder Horizont der Lebenshast
Vermehrt des ersten ungemeßne Last,
Der du erwachend dich ergeben hast.

Verweile doch! mag eine Grille sein,
Doch ist das Reich an diesem Tag nicht dein,
So schließ den Traum in diese Grotte ein,
Denn abgeschieden reift der beste Wein.

Ein König, der im Mondenlichte ruht
Und nichts für Land und Untertanen tut,
Als Hirte wußten Wölfe seinen Mut,
Doch erst sein Schlaf macht endlich alles gut.

Im Reiche triumphiert der Menschenfeind,
Der sich am Ziel der Machbarkeiten meint –
Wer weiß die Stunde, da die Sonne scheint,
Die Hirten- und die Königsmacht vereint?

Einst fällt, was uns so lang erscheint, geschwind,
Weil der Verschollne wählt sein Hofgesind,
Wie Licht und Schatten stets beisammen sind,
Die Stille erst erfahrbar macht der Wind.