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Aus »Unstrutleuchten. Erstes Buch«. Gedichte 2014, Vers 43233 bis 43304

UNSTRUT


Um breite und mächtige Wasser,
Den Indus, den Ganges, den Nil,
Geschichten vergeßner Verfasser
Erzählt man und weiß man gar viel,
Berühmter doch als diese Wuchten
Sind Flüsse, die keiner noch sah,
Doch fühlst du in traumklammen Schluchten:
Sie alle sind wirklich und da.

Den feurigen Phlegethon spüren,
Den Kokytos, stygischen Frost...
Auch wenn wir es niemals erführen,
Im Blute doch läge die Kost,
Doch mehr als der lichten Kroniden
Beeiden, berührt uns die Kraft,
Die Lethe im Trunke beschieden,
Daß alles Erinnern erschlafft.

Ein Weiser erzählte vom Bache,
Deß Wirkung zum Lethestrom paßt,
Er lösche dem Autor das Wache,
Wer denn seine Werke verfaßt,
So dürfe er fürder betrachten,
Geschmeichelt nicht oder beschämt,
Das Eigne im Göttlich-Gemachten,
Von keinerlei Zweifel gelähmt.

Für Eitle ist dieses ein Schrecken,
Für Sucher Erlösung und Heil –
Denn liegt nicht der Zweck hinter Zwecken,
Man werden vom Ganzen ein Teil?
Ist Lethe wohlmöglich zu deuten
Als Bild etwas weiter gedacht,
Das Eigne vom Wahne zu häuten,
Es werde von Willkür gemacht?

Das Rätsel, welch schimmerndem Lichte
Sich alles Erfahrne vermähl,
Wenn uns in der ganzen Geschichte
Die eigene Rolle nicht zähl,
Es lockt uns wie jegliche Schwelle,
Darüber ein schweres Verbot,
Doch rütteln nicht feurige Helle
Noch finstere Wasser am Tod.

Doch mögen uns Trinken und Taufe
Bestärken, es walte durch uns
Ein Los, das nicht ungeführt laufe,
Das Ruhe und Hast nicht verhunz,
Und das uns beschenkt mit Vertrauen,
Daß wir ohne Greinen und Groll
Uns selber als Schnittervolk schauen,
Das alt, wenn der Heuschober voll.

Denn Lethe heißt wörtlich Verborgen –
Was endlich der Fluß wohl verbirgt? –
Die Furcht und die Reue, die Sorgen,
Was klammernd und kleinhaltend wirkt.
Als Gegenteil sprechen die Alten
Die Wahrheit, die so sich befreit,
Denn sie wird im Käfig gehalten,
Wo herrschen Verdienste und Neid.

Wer liebte im Reiche der Buchen,
Als Knabe den Baum als Versteck,
Wird Lethe im Orient nicht suchen,
Weil Datscher ihm flutet mit Neck,
Wo Strudel verneint nicht die Muhme,
Wenn Un wie beim Wetter sie mehrt,
Dort tränkt ihm die Unstrut die Krume,
Und weiß, was den Wachen beschwert.

Er sucht nicht Ariele und Baale,
Noch Schiwa als goldne Monstranz,
Das Wasser als universale
Ist eigner als jede Substanz,
Auf daß ihm die Sünden vergeben,
Der Glaube zuletzt ihn nicht laß:
Der Fluß, der dem Lande das Leben,
Dem Tode sei Brücke und Paß.