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Aus »Die alte Linde. Erstes Buch«. Gedichte 2012, Vers 41052 bis 41093

SARGENROTH


I

Der Lindenbaum am Brunnen vor dem Tore
Und der im Dorf als Mitte alles Lebens –
Doch suchst du diesen Baum auch nicht vergebens,
Wo tiefer Baß vergessen macht Tenore.

Der Garten des Versinkens und Verschwebens
Bei uns nicht trägt Zypressen wie bei Kore,
Dem Raben wird die Linde zur Empore,
Er ahmt nicht etwa nach die Tauben Thebens.

Die Linde trägt auch Tod in ihren Ästen,
Denn so viel Sterben überwächst die Rinde,
Und Hohlen haben Tore von Palästen.

In keinem sonst so viele Alter finde,
Die aufgebahrt in dichten Palimpsesten,
Daß schwarz vor Augen wird dem Weltenkinde.


II

In Sargenroth sind Sarg und Zarge rote,
Umfassungen sind beide Holzgestalten,
Ein Durchgang jeder Ort zum Weiterwalten,
Der Lindenbaum für Lebende und Tote.

Im Friedhof ist der Marmor Sohn des Kalten,
Die Linde flaggt im Wind als Sonnenbote,
Sie stellt zum Wein die Kruste hin vom Brote
Und säumt nicht, ihre Duftmacht zu entfalten.

Sie tröstet, wo wie Stachel stehn die Steine,
Sie lindert, wo die Augen rot vom Weinen,
Und Licht und Schatten trägt sie im Vereine.

Ob nichts, ob alles wir zu fassen meinen,
Es bleibt am Ende immer nur das Eine:
Der Baum, der nicht verlassen wird die Seinen.


III

Wie nirgendwo sind Linden hier die Fabel,
Die Formen, die wir nie ergründen mögen,
Wir fliehn die Wulst und hängen an den Bögen,
Wir deuteln am Gekreuz und am Gegabel.

Ein Wehrturm, wo die Zinnen bei den Trögen,
Doch keiner, der die Sprache wirrt wie Babel,
Erinnerung kommt auf, wie uns der Nabel
Noch wurzeln ließ, daß wir erst später flögen.

Der Baum füllt sein Gesetz allein im Bleiben
Er drückt sich nicht durch Orte aus, durcheilte,
Das gibt ihm Ruhe, so viel aufzuschreiben.

Er bleibt es selbst, der seinen Himmel teilte,
Das Licht er wahrt, die Erde zu verleiben
Und so die Kraft, die alle Wunden heilte.