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Aus »Schnitterfest«. Gedichte 2011, Vers 38511 bis 38594

NEGENTROPIE


I

Seit je verlangts den Menschen zu erfahren,
Was ihn bestimm im Nahen wie im Fernen,
Die Frage nach den Göttern, nach den Sternen,
Soll immer ihm ihn selber offenbaren.

Er kaut verträumt an Sonnenblumenkernen
Und ist sich der Bedingtheit sehr im Klaren,
Auch wenn der Hunger packt nicht an den Haaren,
Brauchts keine Schul, die Mächtigkeit zu lernen.

Die Mäuse knabbern Körner, und die Eulen
Zerschlagen sie aus gleicher Not zu fressen,
In mondenheller Nacht die Wölfe heulen.

Der Mensch mag sich zu mancher Tat vermessen,
Er baut Paläste, Architrav und Säulen,
Jedoch den Magen kann er nicht vergessen.


II

Stoffwechsel nannte man, daß Fleisch und Säfte
Als Fremdes werden Eigenes im Leben,
Doch scheint das Wort den falschen Wink zu geben,
Gleichwertig seien hier die Ordnungskräfte.

Allein der Kerf, der gallend ritzt die Reben,
Zeigt drastisch, daß nicht beidnutz die Geschäfte,
Drum an den Wolf sich Selbsterkenntnis hefte,
Wenn wir in Rudeln nach der Beute streben.

Die Ordnung, die Lebendiges besiegelt,
Verdankt sich stets Verlusten im Reviere,
Zum Streite hat die Milde aufgewiegelt.

Und die Gewalt gilt nicht allein dem Tiere,
Mit Klauen wird die Walnuß auch entigelt,
Und nichts besteht, eh einer nicht verliere.


III

Gott schuf die Sonne uns so unermeßlich,
Und eh das Leben Leben konnt befechten,
Es mußte mit dem größten Schatze rechten,
Und immer noch scheint diese Sünde läßlich.

Kein Mechanismus, den wir je erdächten,
Wär vor dem Chlorophyll nicht plump und häßlich,
Die Sonnenblume, nicht wie wir vergeßlich,
Zeigt ihre Andacht niemals mindern Mächten.

Was mit dem Strahle einströmt in die Gaue,
Verwandelt sich in Formen und Gestalten.
Drum dankbar dem, der dies gemacht, vertraue!

Die Himmelswärme wird den Kreis erhalten,
Drum stets auf ihren Witz zu wandeln baue,
Dann wird sich Geist im Tagewerk entfalten.


IV

Nicht nur das Leben dankt sich diesem Spender
Auch was das Mineralreich uns verkündet,
Sind Dinge, drein der holde Strahl gemündet,
Und sonnenhaft sind Luft und Meer und Länder.

Je mehr sich Wissen um die Herkunft ründet,
So staunender wir stehn vor dem Vollender,
Geheimnis, das als Innen wie als Ränder
Sich fortschreibt und sich selber so begründet.

Dem Geiste aber, dem sich dies verschwendet,
Steht Demut an und muß Gehorsam frommen,
Denn einem Zögling wird das Reich gespendet.

Er wird dem Herrn nicht auf die Schliche kommen,
Doch wird im Buch des Geists ein Blatt gewendet,
Wird immer neu die Fackel aufgenommen.


V

Das Leben und die Welt der Minerale
Der Geist wird niemals müde zu durchmischen,
Mitunter leis, mit Krachen mal und Zischen,
Und oftmals wird der dunkle Kern zur Schale.

Gefundnes und Gejagtes aufzutischen,
Bezwang den Hunger lang und viele Male,
Doch daß die Sonne winterbleich verfahle,
Schob uns die Sorg und bald die Kunst dazwischen.

Denn nun wird nicht im Magen nur vollzogen
Die Wandlung, daß zu Eignem das Erfaßte,
Drum sieh im Koch den ersten Theologen.

Daß Feuer Wasser nach Rezept belaste,
Bis sich im Topf die Früchte vollgesogen,
Ist Anfang der Kultur und jeder Kaste.


VI

Umsonst nicht sprach der Herr vom Salz der Erde,
Als er uns gab ein Gleichnis von dem Geiste,
Hartnäckig formt das Wasser uns das meiste,
Jedoch das Salz tut, daß es rascher werde.

Das Rad ist gut, daß es die Richtung leiste.
Doch spann vor deinen Karren flinke Pferde!
Dem Wasser raubt die Nacht nicht Glanz am Herde,
Wenn mit dem Salze es beflügelt reiste.

So fügt sich die Magie schon zum Quadrate,
Wenn Salz und Wasser treffen Frucht am Feuer,
Und wer begreift, daß hier der Geist der Pate,

Der fragt nicht, ob der große Griff ein neuer,
Er weiß, daß der in allen Zeiten nahte
Im Schlichtesten grad wie im Ungeheuer.