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Aus »Schnitterfest«. Gedichte 2011, Vers 38595 bis 38666

OLEUM


Das Ölsein bezeugt sich verständig,
Wenns dicklich und tranig sich ziert,
Doch leichtere sind so lebendig,
Wie Wasser die Haftung verliert,
Drum bleibt das untrügliche Zeichen
Für öliges Wesen allein,
Des Wassers beständiges Weichen,
Denn eins wolln die Flüsse nicht sein.

Die Nüsse, die Kerne, die Bohnen
Sind ihm wie dem Honig das Wachs,
Das Gold Oreaden belohnen,
Der Schlichte nimmt Samen vom Flachs,
Seit Vorzeiten preist uns der Barde
Was kernig in Fleisches Gehöhl,
Die Wurzel der indischen Narde,
Sie salbte den Heiland als Öl.

Das Öl stellt sich anders zum Feuer
Als Wasser auch eh es verbrennt,
Den weiteren Umkreis das Steuer
Der Wärmstufen hierin erkennt,
Denn ehe das Talgige siedet,
Gesotten wird Schrunde und Ritz,
Im dunkelsten Samen befriedet,
Uns schlummert der mächtigste Blitz.

Zum Kochen, zum Brauen, zum Backen
Zum Schmoren am Rost und am Spieß,
Stellt Öl seine fettigen Flaggen
In Kochkünstlers Brat-Paradies,
Jetzt werden die zähesten Brocken
So zahm wie am Euter das Kalb,
Und alles was fasrig und trocken,
Verliert seinen drückenden Alb.

Doch freilich mit Mitteln und Wegen,
Wächst auch die Gefahr des Zuviel,
Wieviele der Scheite wir legen,
Triumph macht und Jammer im Spiel,
Wenn heißer uns dienlich die Lohe,
Verkürzt sich die Zeit zum Moment,
Wo aufhört die Kochkunst, die hohe,
Zu Kohle der Braten verbrennt.

Wenn eine der Schmaus-Komponenten
In Eifer und Säumigkeit stirbt,
Wenn halb nur die Phasen sich trennten,
Wenn eines vorher schon verdirbt,
So werden mit Sorgen vergolten,
Die Mühen des Tags und der Nacht
Und stets wird der letzte gescholten,
Wenn alles zum Tische gebracht.

Doch gleichwohl ist meistens Gelingen,
Sonst wäre die Menschheit schon tot,
Und Steinadler breiteten Schwingen,
Von niemandes Armbrust bedroht,
Die Nahrung vermehrt sich gewaltig,
Wenn Küche sie aufschließt und streckt,
Drum vielzählig und vielgestaltig,
Der Mensch nun die Erde erschreckt.

Davor mag ihm selber oft grauen,
Als Lehrling, der Wahngeister rief,
Doch gibt es auch manches zu schauen
Im Zeiten- und Länder-Archiv,
Der Frevel beginnt, wo die Künste
Sich selber verstehen als Maß,
Dann schlingen entfesselte Brünste,
Was ewig der Schöpfer besaß.

Dann wird auch das Öl nicht mehr salben,
Weil dann die Mikroben Gesetz,
Dann mag eine Kuh nicht mehr kalben
Als Knoten im zeitlosen Netz,
Und macht nur die Gegenwart trunken,
Nennt selber sich Schöpfer und Gott,
Dann mag man in Siedeöl tunken
Das ganze als leidigen Spott.