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Aus »Zweifelsbachgrund«. Gedichte 2010, Vers 36273 bis 36368

LSD


Als vor der Mitte vorigen Jahrhunderts
Europa noch einmal zur Größe stieg,
Gelang der Seelenkunde auch, wen wunderts,
Ein unerhörter Vorstoß, ja, ein Sieg,
In Basel Albert Hofmann untersuchte
Vom Mutterkorn gewonnenes Amid,
Eins letzte Haut, und der dies nicht verfluchte,
Sich diesem Stoff im Selbstversuch beschied.

Zur hoch dosiert, die Wirkung war gewaltig,
Dies Tonikum wirkt kraß in feinstem Maß,
Die Straße ward ihm fremd und buntgestaltig,
Als er berauscht auf seinem Fahrrad saß,
Die Assistentin schrieb von wildem Rasen,
Ihm aber schiens, als ob das Rad fast steh,
Vergeßnes tauchte auf wie Seifenblasen,
Ein Ton genügte, daß das Bild zerweh.

Die Ordnung, die uns nach Gewohnheit leitet,
Hohlspiegelhaft zerrüttet und verzerrt,
Doch nicht nur das vertraute Bild entgleitet,
Auch Energie und Urteil sind versperrt,
Der Forscher, der nicht Mystik sucht und Fasten,
Fand einen Schlüssel und ein Tor hinaus,
Wo andrer Art die Flüge und die Lasten,
Und jemand weiß, was uns im Herzen graus.

Erst später als im Heime fand er Ruhe,
Gelang es ihm, das Spiel von Farb und Form,
Phantastik einer aufgesprungnen Truhe
Zu fassen, und die Kraft schien ihm enorm,
Die seiner Seele nahm die karge Strenge,
Die eingeübt seit manchem Alter schon,
Des Mutterkorns entfesselte Gesänge
Beschämten Hanf und Muscarin und Mohn.

Mit seinem Freund Ernst Jünger fuhr er später,
Der war mit manchem Nachtgefild vertraut,
Und weil der Flug nicht sein kann ohne Väter,
Hat er erst dabei Babylon geschaut,
Allein der Zauber schafft nur bunte Muster,
Sind Bildung und Gestimmtheit ihm zur Hand,
Wird weiß Magie, und fester und bewußter
Führt ihn der Geist in urvertrautes Land.

Die eruptive Macht des Stoffs zu lösen,
Die Ketten, die wir sichtbar nicht erfahrn,
Als Wahrheitsserum lockte bald den Bösen,
Der Gegner mög Geheimstes offenbarn,
Die Dienste, die Amerika zum Drille
Der Menschheit schuf, erbarmungslos probiern,
Mit dem Amid von Hofmanns Wunderpille,
Ganz ahnungslose Leute anzuschmiern.

Daß mancher starb, ist höchsten Falles Panne,
Daß Hofmann protestiert, ein schlechter Witz,
Wer mächtig, haut auch mächtig in die Pfanne,
Denn ohne Material kein Machtbesitz,
Nur weil er zur Gedankenwacht nicht führte,
Ward solch Versuch nicht allzulang getan,
Daß wer vom Dienst Gewissensbisse spürte,
Das gibts doch nur in Klatschblatt und Roman.

Nach Dunkelmännern griffen nun Propheten,
Nach LSD und hieltens billig feil:
Spart euch die Müh mit Fasten und Gebeten,
Die Droge schafft ein massenweises Heil!
Naive Knaben, Schlampen und Vaganten,
Wems einzig Glück, er stelle sich was vor,
Empfahlen sich und allen Anverwandten
Das Tröpfchen aus dem Baseler Labor.

Als die Musik elektrisch sich verschaffte
Gebrüll, dem kein Applaus von früher gleicht,
Das Publikum war einig, es verkrafte
Auch alles, was den Göttern je gereicht,
Nicht Mode nur, ein Muß für jeden Freien
Die Droge ward, ein Muttersöhnchen hieß,
Wer nicht bereit, sich jedem Wahn zu weihen,
Und nicht Vernunft in Abfallkübel stieß.

Die Räusche rissen weitre Schamesschranken,
Man mischte sich wie Ratten tun im Pfuhl,
Man fand allein noch Kraft für den Gedanken,
Wie man sich tiefer noch im Schmutze suhl,
Und wurden die Krawalle immer trister,
Schiens Therapie, daß man sie unterlaß
Niemals, es hieß: ein neues Mittel, Mister,
Denn diese Welt ist ein verdrecktes Faß!

Die Wissenschaft gab sich gar bald geschlagen,
Wenn das Gefundne Schrecken und Skandal,
So darf der Forscher nun den Maulkorb tragen,
Denn er ist schuld an aller Torheit Qual,
Doch machten nicht die Schäume die Substanzen,
Sie macht die Lehr, daß allen alles taug,
Die Macht des Vaters brach man, und nun tanzen
Die Sprößlinge, und manches geht ins Aug.

Und wenn das Mittel nicht die Krönung aller,
So ists auch nicht der Hölle Ausgeburt,
Zum Engels-Chorknab macht es keinen Laller,
Verschuldet nicht, daß einer wahllos hurt,
Es ist ein Besen, dem allein der Meister
Bestimmen darf, wem wann und wo er eil,
Die Hölle schafft der Mut geringer Geister,
Und ohne Hierarchie gibt es kein Heil.