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Aus »Trichterwinde«. Gedichte 2009, Vers 34280 bis 34351

TOTEM UND TABU


Wie Parzival sich gab der Quest,
Daß Gott ihn aus dem Herzen mahn,
Vom weißen Mann sich sagen läßt,
Daß er sich sucht in Wind und Wahn,
Aus allen Himmeln trägt er heim
Gedanke, Sitte, Traumgespinst,
Zu allem Reisen treibt der Reim:
Brich auf, daß du dich selber findst!

Zwei Worte stehn am Weltenrand,
Neufundland, harsch mit rauher Kehl,
Und wuslig der Korallenstrand,
Der hell am Tonga-Archipel,
Zwei Worte, die sich einzig stelln,
Doch uns im Geist einander zu,
Zum Höhlenlicht Magie geselln,
Geheißen Totem und Tabu.

Das Totem meint, daß das Geflecht
Von Tun und Leiden, das uns hell,
Ruh wie ein Kleid auf älterm Recht,
Das allem Segen Mund und Quell,
Die Namen, deren Sinn vergaß
Das Kind, das kurz nur lebt und lacht,
Sind Nachhall aus dem frühsten Maß,
Daraus die ganze Welt gemacht.

So ruht im Wort ein stärkrer Bann,
Als er im Stoff dem Forscher frommt,
Der Name setzt, was eines kann,
Als was es geht und wiederkommt,
Der Nam schafft Haß und Liebeslust,
Schafft Sehnsucht oder Ekelduft,
Am Namen du erkennen mußt
Den Heiland und den Höllenschuft.

Wenn Sprache vor der Welt regiert,
Spricht sich ihr Eigenes nicht aus,
Wenn sie sich vor der Antwort ziert
Und namlos bleibt des Sinnes Haus,
Dann ist das Gegenwort am Zug
Und schnürt den Sack der Neugier zu,
Warum und wer das ganze trug,
Das sagt sich nicht und ist tabu.

Die Neuzeit glaubt, es könn Vernunft
Klar regeln, was da gut und bös,
Jedoch das Tier, der stets in Brunft,
Lockt jed Tabu, daß es es lös,
Und das Gegrab nach links und rechts,
Der Göttersturz des Niezurück,
Spürt mehr und mehr im Bann Geschlechts,
Es fällt so auch das ganze Glück.

Wenn das Tabu gar selbst verpönt,
Wenn Scheu nicht mehr Instinkt und Blut,
Bleibt der Verletzer unversöhnt
Und öffnet jeden Deich der Flut.
Weil dies allein ein Narr betreibt,
Wird das Tabu nur abgedrängt
Ins Dunkel, wo es namlos bleibt,
Weil man ihm keine Blumen schenkt.

Dies mehrt es maßlos, weil die Acht
Des Opfers ruft Gewürm und Kot,
Wer sich nicht beugt der Himmelsmacht,
Der wird vom eignen Fleisch bedroht,
Drum stehn Tabus millionenweis,
Wo sie verleugnet und verscheucht,
Und schließen unerkannt den Kreis
Um alles, was im Lichte kreucht.

Drum muß, wenn solches Dunkel droht,
Aufklärend sein der Ruf nach Scheu,
Wenn Reichtum sich entpuppt als Tod,
Bescheidenheit und Dank erneu,
Wer Eintracht sucht in seinem Stand,
Vermeidet Stolz, der naseweis,
Der faltet vor dem Tisch die Hand,
Und dankt dem Vater für die Speis.