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Aus »Trichterwinde«. Gedichte 2009, Vers 33901 bis 33964

HASELSTRAUCH


Die Nachtigall singt niemals auf der Buche,
Sie schlägt die Lieder gern im Haselbusche,
Sie schweigt bei ihrer hoffnungsfrohen Suche
Und auch, daß niemand ins Revier ihr husche.
Doch ist sie ohne Störer bei den Nüssen,
Sind Wehmut, Trillern und das Silberhelle
Mit Schmelz und Schluchzen ganz auf einer Welle,
Daß selbst die Stumpfsten schweigend lauschen müssen.

Das Volkslied weiß, wer diese Arie schmettert,
Ist nicht nur Komponist und große Bühne,
Wer also frei durch die Oktaven klettert,
Ist auch der Weisheit weitgesandter Hüne,
Nur Schopenhauer, dem die Blindheit Meister,
Deß Weltgestalter stumpf und nur gefräßig,
Sieht im Beginnen kronenlose Heister,
Der Vogelgeist erscheint ihm also mäßig.

Die Nachtigall fliegt nachts und zeigt Rivalen,
Daß hier die Gegend, um gar wohl zu freien,
Vier Morgen braucht der Sänger, um zu strahlen,
Daneben ist kein anderer zu zeihen,
So trägt die Lockung auch die Abstandsbitte:
So komm Genoß, doch diesen Streifen meide,
Ich hab genug und fröne nicht dem Neide.
Und bald bevölkert eine Au die Mitte.

Der Hasel ist hier überall zu grüßen,
So allgemein ist sonsten nur die Minne,
Er hält sich aufrecht, doch zu seinen Füßen
Ist mancher Schößling gleichen Mutes inne.
So wachsen strauchig borkenfreie Gerten,
Die ganz bestimmt zu milder Strafe taugen,
Die Ahnen, die Frau Haselin verehrten,
Sahn auch das Nußöl mit ganz andern Augen.

Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,
Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.
Auch bannen sie die Hexen und die Schlangen,
Johannistriebe stecken ab die Kreise,
Wo Groll und Rachsucht fern sind und vergangen,
Weil hier das Urteil einzig fällt der Weise.

Auch Aschenputtel müht am Muttergrabe
Die Haselgerte, um gerecht zu leben,
Nur Hildegard ist dieser Strauch der Rabe,
Der Wollust plärrt und leicht das Bein zu heben,
Dies ist die Zeit, wo Minne wird Misere,
Und nicht mehr Hasel ziert die alten Grenzen,
Kein Kräuterglaube heilt, wo sich die Ehre
Verloren hat in muffigen Sentenzen.

Der Hasel lebt genau ein Menschenalter,
So ist er Hermes zwischen den Geschlechtern,
Es ist nicht nur ein sommertrunkner Falter
Und auch kein Eich aus Zeiten, aus gerechtern.
Mit uns auf einer Höhe, und das Zähe
Ist fellos nackt, wies auch des Menschen Bürde,
Dies alles bringt ihn ganz in unsre Nähe,
Als ob er wie ein Knabe minnen würde.

So muß der Sänger diesen Balzplatz wählen,
Geheim sei nicht das innerste Begehren,
Es bleiben keine Schrunden abzuschälen,
Denn wer da minnt, wird bloß zum Schein sich wehren.
Wer solches pönt, legt Hand an alles Leben,
Das nicht verhält, es strömt und will sich mehren.
Drum säume nicht, dich inniglichst zu geben,
Und halt vom Leib dir die Entsagungslehren.