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Aus »Rhön und Rennsteig«. Gedichte 2007, Vers 21680 bis 21749

THURINGIA


I

Der Stamm, der sich nach Westen in die Mitte
Gewagt, bis ihn der Franke jäh bezwang,
Hat kaum noch Urwald, doch der innre Drang,
Gemahnt noch heut an allerfrühste Sitte.

Er zeigt zu Flöhn und Tüfteleien Hang,
Nicht oft erfüllt ihm Gott die Morgenbitte,
Man überzeugt ihn schwer, doch daß er stritte,
Braucht böses Wort und Stänkereien lang.

Er hat sich zwischen Schrunden eingerichtet,
Er wandert gern und bläst zu Kugeln Glas,
Die Heimat er erst fern von ihr bedichtet.

Der Wahn der Zeit hat viel, was er besaß
Und hegte, wie ein Gärtner tut, vernichtet,
Doch Lieder wissen, daß er stets genas.


II

Im Thüring hat kein Riesenstamm gedauert,
Kein Schwabenstreich, kein Friesentrotz sich zeigt,
Sein Part gewöhnlich nicht als erster geigt,
Doch hat er selten ganz umsonst gelauert.

Denn wenn er meist auch stillehält und schweigt,
Und wurde drei Jahrzehnte eingemauert,
So hat sein Witz die Herrschenden geschauert
Und stets gewußt, daß sich die Blüte neigt.

Er wird noch manche Teufelei verachten,
Und keiner weiß so recht, was er wohl treibt,
Und ob der Bauer, dessen Kinder lachten,

Sich nicht der Sense und der Axt verweibt
Und schlägt, die an den Bettelstab ihn brachten,
Oder ob er, wie ich, Gedichte schreibt.


III

Das Land gemahnt mit Muschelkalk an Wogen,
Die einst hier rauschten mit der See Geklag,
Der Pflug bringt manch Fossil in unsern Tag,
Und was es spricht, das war noch nie gelogen.

Es gibt so manches Volk, das uns nicht mag,
Doch Wandrer sprechen unserem Land Eklogen,
Wir träumen gern von einem Regenbogen,
Der nach Walhall aus allen Pflichten trag.

Der Staat ist was, nach dem wir wenig trachten,
Und meistens gab ein Fremder an den Ton,
Wir mögen nicht Fanfaren noch die Schlachten.

Wer dieses nicht begreift, ein Weilchen wohn
Im Land, wo frühste Träume übernachten
Und Feld und Flur erstrahln im roten Mohn.


IV

Der Deutsche schmückt sich gern mit seinen Dichtern,
Und dieses Land trug zur Legende bei,
Der Philosoph entstünd im Hahnenschrei
Und würd erkannt mit strahlenden Gesichtern.

Es warn den meisten nur ein faules Ei
Die deutschen Himmel und gesehnt nach lichtern
Hat mancher sich in Fron bei greisen Richtern,
Und nur im Traum warn deutsche Dichter frei.

Doch ihnen gab dies Land ein Goldgeschmeide,
Das hehrer als der Hof, Salon und Dom,
Den Dichter schmückt, daß er als Atlas leide.

Die Laute, die man spricht am Saalestrom,
Beflügelten, ob Christ, ob Jud, ob Heide,
Wer deutsch spricht, ist schon immer Heliodrom.


V

Wer Thüring sagt, der meint zuerst den Grafen,
Der um sich scharte, was die Minne bot,
Die Wartburg gab den deutschen Lerchen Brot,
Und ward der Kunst zu Heimathof und Hafen.

Als dann der Burg verfielen Wall und Schlot,
Stand Weimar, daß sich dort die Geister trafen,
Auch Jena barg des Ideals Exklaven,
Doch heute tut ein solch Refugium not.

Denn wenn die Dichter auch nur Minderheiten
Erkannten, war nach ihrem Tod das Wort
Für viele Richtschnur und ein Rat beizeiten.

Drum um der Enkel willen kehr der Hort,
Daß ihre Schritte wieder froher schreiten
Als unsre und nicht von dem Geiste fort.