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Aus »Babylon des Worts«. Gedichte 2007, Vers 17806 bis 17861

MEIN ENGEL


I

Mein Engel hat nicht Schwanenkleid noch Feuer,
Nicht Waffen sind die Zeichen seiner Macht,
Doch was sein unverhofftes Nahn gebracht,
Das fänd ich nicht in ferner Zeit noch heuer.

Ihn ziert kein Sternenkranz noch fremde Pracht,
Verborgen bleiben guter Wind und Steuer,
Doch führt er flink, und das Erreichen neuer
Gestade wird mir leicht in seiner Acht.

Was er berührt, steht segensreich und teuer
In meinem Sinn und leuchtet in der Nacht,
Daß niemand Weiser bräun, noch Weine säuer.

Wer solch Geleit und solche Gnaden-Pacht
Erfahren darf in Hof und Stall und Scheuer,
Der spürt das Heil und daß ein Engel wacht.


II

Mein Engel ist in einer Nacht erschienen,
Die mich in Jahren band in ein Exil,
Erst schien mir die Gestalt zu Lust und Spiel,
Und später erst zu Spruch und Lied zu dienen.

Doch ward mir auch in Reim und Andacht viel
Geschenkt, so waren Hymnen und Terzinen
Der Nektar nur, den seine Honigbienen
Kredenzten wie den Tau von Selsebil.

Als ich nicht mehr von Schwänen und Delphinen
Erborgte Flamme, Botschaft, Kunst und Stil
Und nicht mehr sang in meinen Jugendspleenen,

Erwachte mir ein reifres Glaubenziel,
Und Freude brach wie schmetternde Lawinen
In meiner Klause mürben Federkiel.


III

Mein Engel führte mich zurück zum Glauben
Der Väter, deren Tag und Jahreskreis
Und deren Müh und Wollen Spur und Gleis
In Formen fand, die Freiheit erst erlauben.

Und was sich bot dem Forschenden zu Sais
Warn nicht mehr Mumien, die im Wind zerstauben,
Noch Rösser, die im Nebelmorgen schnauben,
Und auch kein Fels, bedeckt von Gipfeleis.

Auch nicht die Feen, die mit Burgunderhauben
Sich schmücken, Schleiern, violett und weiß,
Normannen nicht, die waffenklirrend rauben.

Nicht Palmbaum, Adler, Schlange, Wolf und Geiß,
Nicht Apfel noch des Weinstocks rote Trauben
Es war des Priesterstabs ergrüntes Reis.


IV

Mein Engel hat die große Kehr vollzogen,
Und wo er horstet, dämmert Ostertag,
Was immer einer münz und einer wag,
Es wird mit seiner Heiterkeit gewogen.

Dies ist kein Maskenball, kein Gastgelag,
Ob wer sich salb und hüll in Purpurtogen,
Ob seine Köchin nähm vom Stör den Rogen,
Gilt ihm wie Spatzenbalz und Froschgequak.

Sein Wappen ist der weite Regenbogen,
Und seine Botschaft heischt allein Geklag
Den Parasiten und den Demagogen.

Drum bin ich still in seiner Hut und frag
Nicht, ob ein weitrer Bote käm geflogen
Und ob mich sonstwer führ und herzlich mag.