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Aus »Der Seerosenritter«. Gedichte 1990, Vers 5177 bis 5369

ENKIDUS TOD




Einer der Träume Gottes
blickte sich selber an,
Blicke des Spiels, des Spottes
vom alten Spinnenmann...


BENN


I

Wo Adler sich und Schlange einst verbünden
Im Kalksteintempel und am Schwemmland-Thron,
Wo Säulen stehn, wo Fackelträger ründen
Die Traum-Gestalt, die Freiheit birgt und Fron,
Und wo die Nabelschnur aus Klamm und Schlünden
Noch blutet, sag, Gespiel und Steppensohn:
Wenn Tat und Zwiespalt ozeanisch münden
Und schon ein Viertel ließ das Aug verlohn,
Mag dann mir Ninsun deinen Lenz ergründen,
Den Sperber rührn mit Blut und Rosenton
Und all die Boten, die den Traum verkünden:
Stechapfel, Hanf und Bilsenkraut und Mohn?


II

Nicht bist du deines Seelensegels Reeder,
Doch Opfer für des Himmelsstieres Streit.
Soll nun die Gruft, die dich verheimlicht, weder
Den Duft bewahrn, noch Huld und Heiterkeit?
Der Flaum verflog, vom Helm die Schwanenfeder,
Vergessen herrscht im Turm der Wüstenzeit,
Nicht rufen Amber, Moschus dich und Leder
Und traurig steigt der Rauch vom Sandelscheit.
Nun sag, wozu schützt vor Gewürm, Gefleder,
Dein Rätselauge, Lid und Lippenleid
Der Stein und die geheime Macht der Zeder,
Einst Chumbaba und nun für dich geweiht?


III

Ach, daß nicht Alter mit Verzagtheit flecke
Den Herrn des Herrschers und nicht welke Haut
Die Löwen, die dich säugten, einst erschrecke,
Vergrub der Greif das Gold, und Morgen graut
Auf Hügeln nicht, daß er die Lerche wecke.
Sag, welchem Heil hast du dich anvertraut,
Stirnlocke, die beschämt die Traumverstecke
Und Wigwams nicht aus Rohr und Binsen baut?
Du flohst, und der Verfolger gleicht der Schnecke,
Die nur das Blatt und nicht die Eiche schaut,
Und deine Zunge schweigt, als ob sie schmecke
Die Nichtigkeit von Furcht und Daseins-Maut.


IV

Die Krähe hockt auf dem zerbrochnen Pfeiler,
Stechpalme blüht, und schwarze Jade wacht,
Doch lilienweiß entfährt dem Opfermeiler
Der Pfad, der unsre Eitelkeit verlacht.
Nicht unsrer Gier, nicht unsrer Sorgen Teiler,
Nicht Tageswerk und keine Liebesnacht
Bist du, der sich zum Glanz empört auf steiler
Flugbahn, die Sturm und Funkenflug verlacht.
Den Leib des Lamms zerwühlt der alte Keiler,
Ein Felsenbrocken schloß den Brunnenschacht,
Dich aber Häftling, Hohenloh und Heiler
Umschlingt der Rautengurt mit Runenmacht.


V

Du zogst, und prinzlich war die Wahl der Proben,
Zum Schlangenpfuhl und nach dem Greifenstein,
Die Dunklen, die zerschnitten, was sie woben,
Bereiteten den Kampfplatz, wo allein
Du streitest nicht um Reiche mehr und Roben,
Nicht unser Gold birgt der Karfunkelschrein,
Die Streiche, die die Lebensträumer loben,
Erscheinen dir als Würfelspiel und Wein.
Doch sage mir, wenn unser Zwist zerstoben
Von Au und Acker, Abel einst und Kain,
Bist du dann auch dem Rittertum enthoben
Und aller Ewigkeit von Lust und Pein?


VI

Nicht sagst du es, unendlich fremd in blinder
Verwahrung, und kein Boot verläßt die Bucht,
Als wärest du vom Sucher ganz zum Finder
Gewandelt und geheilt von Wahn und Sucht.
Doch sag, ob solche Eintracht nicht verminder
Den Ruhm, mit Waffen unerreicht und Wucht,
Wenn sich der Tod als Eigen-Überwinder
Erhob und schlug in Finsternis und Flucht?
Was gilt der Mann, wenn ihm der feige Schinder
Den Mut entriß in seiner Schlächter-Schlucht,
Und wären wir noch alle deine Kinder,
Verlörst du, was uns Zaumzeug war und Zucht?


VII

In Bächen schimmert Blut, und nächtens regnen
Goldpfeile, fruchtbar, und die Minze reift
Im Tal, wo Hirsch und Einhorn sich begegnen
Und wo der Wind die Sensenklänge pfeift.
Aus Reichen, außerhalb der Zeit gelegnen,
Die Schwefelquelle sprüht und salbt und seift
Den jäh entrückten Leib mit sehr verwegnen
Essenzen, doch der Sonnenkäfer schweift,
Nicht mehr in Weiß, die Jüngerschar zu segnen,
Nicht mehr in Gold und nackt im Zorn gesteift,
Und zehnmal wird dein Sonnenherz durchdegnen
Aruru, der nach deiner Größe greift.


VIII

Wirst du, was dir beschlossen ward, zu rächen,
Die Karte ziehn, die dir der Gaukler mischt,
Das Schwert für seinen reinen Bann zerbrechen,
Ein Lehnsmann sein, der ganz im Äther fischt?
Dein Wappen ruht in seinen dunklen Flächen,
Jedoch dein Ritt gleicht Hagelschlag und Gischt,
Dich reizt das Warten nicht auf Gegner-Schwächen,
Kein Herbst, der Korn zerspellt und Halme drischt,
Und wär dein Wort allein das Blut in Bächen,
Ich wüßte deine Lust, die nie erlischt,
Den Schlangenmund, der Unterwerfung sprechen
Nie wird und selbst dem Gott entgegenzischt.


IX

Die Sonne steigt, die Tage werden länger,
Der Singschwan kehrt zurück ins Nordrevier,
Doch du, der wie ein Füllhorn labt den Sänger,
Schweigst wie ein Traum, ein ausgestorbnes Tier.
Der dritte Tag gehört dem Wiedergänger,
Dem Opfer, das Skorpion vermählt und Stier,
Es knistert, daß der schwarze Tiger schwänger
Den Käferstein, der einer ist und vier.
Was uns versucht, was uns zum Seelenfänger
Die Lanze spitzt, dem Gral das Elixier
Entsaugt, macht deine Obhut nur noch strenger
Und die Gefahren, hehr und nicht von hier.


X

Doch Zimt und Pinie sprechen deinen Namen,
Und Wolken türmen Groll nach deiner Art,
Selbst Krokodile mischen sich den Zahmen
Im Trauerzug als großer Schweigerpart,
Und all die Tiere, die zu klagen kamen,
Bezwingt Gesang, der sie zu Reigen schart,
Als wärest du, das Hochzeitsfest zu rahmen,
Selbst Sänger, der erzählt von Fall und Fahrt,
Doch wie die Macht der Pflanze liegt im Samen,
Hat erst dein Tod den Reichtum offenbart,
Und Soma bist du, Atemstoß und Amen
Des Weltenkinds, das ganz Legende ward.


XI

Du gleichst dem Regenbogen und dem Pfauen,
Dem stolzen, der verrottet ist im Ried,
Ihm stahl ich, was den Anger schuf, die Auen,
Den Kiel, der sich zum Lobgesang beschied.
Die Farbe Weiß, der Todes-Mächte trauen,
Und eine Sehne, der kein Pfeil entflieht,
Dies blieb dir, wenn mich deine Augen schauen
Aus Stern und Stein und werden Lob und Lied,
Doch wenn dein Körper keimt in allen Gauen,
Muß nicht dem Schnitter, der vorüberzieht,
Das harte Eis in seinem Herzen tauen
Im Glanz, den er in deinen Träumen sieht?


XII

Im Zedernwald die Schlangendrachen unken,
Was das Relief gemeint am hohen Ort,
Du schaust sie nur, wenn du ihr Gift getrunken,
Doch Anu warf den Silberschlüssel fort.
Sag, hab ich dich geträumt und heimgewunken,
Und gab ich dir Gestalt und See und Port,
Und durftest du, von mir erschaffen, prunken
Im Steppenkaut als Flußgeists Rosen-Hort?
Im Quellgerausch, im Lindenholz, das Funken
Versprüht und knistert, ruht der Traum-Akkord,
Und du bist ganz in mich zurückgesunken
Und wurdest wieder Klang und wieder Wort.


XIII

Dein rotes Blut befleckt die Anemone,
Schwertbrücke, die uns trennt, und Welten-Ei
Gedeihn im Garten, und der Gärtner Rhone
Spielt Mandoline, und er prüft im Mai
Die esten Beeren, Fliederblust und Bohne
Und zählt die Ringe nach am Hirschgeweih.
Er sieht mich nicht, doch sieht er zweifelsohne
Den Schatten, den du wirfst im Todesschrei,
Doch wollte ich, daß dich die Krankheit schone,
Und ließe dich der Welt und gäb dich frei,
Sag, hättest du ein Kleid und eine Krone,
Die ich nicht schuf und deinem Walten leih?


XIV

Und doch, mein Herz ist angefüllt mit Trauer,
Wenn ich den Tieren, die dich preisen, sing,
So wird das Blut in meinem Herzen sauer
Und meint, daß niemals mehr Gesang geling.
Und Gift und Galle blühn im Fieberschauer
Und Aussatz dort, wo die Sandale ging.
Zwar ist auch Tod ein Traum und seine Mauer
Bedeutungslos im Zeichenkreis, im Ring,
Doch wollte ich dich frei von mir in Dauer,
Und ließ dir Raum, der selbst die Götter zwing,
Sag, stieß mich dann nicht selbst der Eberhauer
Und wäre ich nicht selbst ein leblos Ding?


XV

So mag es sein, und du bist dann mein Dichter,
Ich falle, wenn dein Reim den Sturz gebot,
Du trägst die Fackel, bist der Scheite-Schichter,
Das Schwert und für die Wunde Brand und Jod.
Ja, Zwilling dann, vernichteter Vernichter,
Wenn eine Welle uns beginnt, bedroht,
Ein Gott uns tauscht, ein Untergang-erpichter,
Hat dann das All nicht unsern Wechsel not?
So ist die Zeit auch eins nur der Gesichter
Der Freiheit, und das Spiel von Ich und Tod
Folgt unsern Regeln, und wir selbst sind Richter
Und Traum und Welt und Mohn und Morgenrot.