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Aus »Der Seerosenritter«. Gedichte 1990, Vers 4809 bis 5088

ARCANA




Weltkinder sah ich ruhen
Gemächlich ganz und gar,
Sie waren doch auf Reisen
Und wurdens nicht gewahr.


ABU TAMMAM


I

Streif durch diesen Rätselgarten,
Der vereinigt Acht und Hut,
Und mit Ampeln und Standarten
Züchtet Witz und Spielermut.
Suche ihn in allen Karten,
Glaube nie, du mischtest gut!
Denn wie kannst du Sieg erwarten,
Den der Gaukler nicht vertut?
Schärfe Schwert und wetz die Scharten,
Er ist ganz von deinem Blut,
Und das Ziel, nach dem wir starten,
Birgt sein Stab, drin alles ruht.


II

Wenn die Zeichen sich verzweigen,
Tritt sie auf mit reinem Schoß,
Bis des Einhorns Minnereigen
Sie bezwingt im Waldesmoos.
Sieben Schleier sind ihr eigen,
Doppelkrone, selten bloß,
Will sie dir ihr Antlitz zeigen,
Schaust du nur dein eignes Los.
Sie bewacht das Himmelsschweigen
Und des dunklen Fährmanns Floß,
Doch du wirst sie einst besteigen
Und entführn mit sanftem Stoß.


III

Hörtest du im Laubicht raunen
Urgelall, der Sprache feind,
Hüll dein lichtes Kleid in braunen
Bast, der deinen Stolz verneint,
Die erwacht in dumpfen Daunen,
Muttermund, der müd erscheint,
Deutungslos sind ihre Launen,
Ihr entwuchs, was lacht und weint,
Und mit Quellen, Göttern, Faunen
Bist du ihrer Huld vereint,
Ihre Gnade zu bestaunen,
Ihren Zorn, der jäh versteint.


IV

Siehst du Schlangenadler kreisen,
Augen starr nach Osten spähn,
Übergib dem vierfach weisen
Sonnenheld und Souverän,
Was du mitgebracht an Eisen,
Klingen, die Geziefer mähn.
Ohne Waffen sollst du reisen,
Unheil nicht, noch Schmerzen sän,
Panzern werden seine Speisen
Deinen Leib und Wunden nähn,
Wenn sich in den Purpurschneisen
Stachellose Vipern blähn.


V

Segelst du vom Wall der Taten
Als Delphin zu fremdem Strand,
Schürf mit Zauber nicht und Spaten
Rotes Gold, das Drachen bannt,
Der dein Wappen längst erraten,
Dreizackträger, Hierophant,
Schätzt gering die reichen Staaten,
Hält, was sie beglückt, für Tand.
Was die andern nicht erbaten,
Schätze, die noch niemand fand,
Hortest du und nimmst dem Paten
Nur den Segen seiner Hand.


VI

Vorwärts kamst du manche Meilen
Hoch zu Roß in Huld und Streit,
Aber vor besternten Pfeilen
Bleibst du ewig ungefeit.
Sag, bei welcher willst du weilen,
Schlangenfrau und Lindenmaid?
Einer Rache magst enteilen,
Doch die andre, froh gefreit,
Sie wird nicht die Wunde heilen,
Achten Ehre nicht und Eid
Und den ärgern Schlag erteilen
Zu des Gottes Heiterkeit.


VII

Rühmt der Sänger dich im Hagen,
Sieger und den Göttern gleich,
Tilgtest du die Androphagen,
Und am Stymphalidenteich
Rodest du den Mannestagen
Lebensraum mit festem Deich.
Doch dem triumphalen Wagen
Über Feinden, schreckensbleich,
Mußt du doch zuletzt entsagen,
Wenn dich Alter lähmte, schleich
Ruhmlos, und vergeblich klagen
Fraun und dein zerstörtes Reich.


VIII

Zwischen Übermut und Trauern
Ziehst du eine Grenze nicht,
Götter schenken reich, doch lauern
Im Gewinn Verlust, Verzicht.
Was dich hebt in Wonneschauern,
Morgen femt und Schande spricht.
Wenn am Brett die schwarzen Bauern
Kontern, ist die Weisheit schlicht:
Beiderseits der Tempelmauern
Ist die Wahl zugleich die Pflicht,
Und der Mann wird aufrecht dauern,
Huldigt er dem Gleichgewicht.


IX

Deinen frühsten Traum ergründen,
Sucher, der durch Wüsten ritt,
Kannst in Ordnen, Gilden, Bünden
Nie, drum sei der Eremit.
Trenne dich von Pfand und Pfründen,
Klausner, der den Dienst-Habit
Und die Schuld erfundner Sünden
Für den Herrn der Welt erlitt.
Bei den Minotauren münden
Mantelschwarz mit sicherm Schritt
Fragen, wie die Sterne stünden,
Die dein Herz zur Haut erstritt.


X

Waltest du im zehnten Zeichen,
Sei die Sphinx, die dies bewacht,
Nutz die Masken, ihr zu gleichen,
Falkenschwinge, Löwentracht.
Sie allein greift in die Speichen,
Spinnerin von Pein und Pracht,
Und das Recht, dich auszustreichen,
Hat auch dir sie zugedacht.
Aber einmal noch entweichen,
Streiter, magst in stillster Schlacht,
Gehst du leicht und über Leichen,
Clown, der unter Tränen lacht.


XI

Furchtbar sind die Tilgerscharen,
Furchtlos und dem Stern getreu
Thront dein Augenlicht, das Aaren
Ansteht und dem Roten Leu.
Du wirst deine Waffen wahren,
Zärtlich sei die Hand und freu
Sich im Rachen der Gefahren
Wie die Schweifer im Gebläu.
Deine Stärke offenbaren
Götter, die dem Menschen scheu,
Gibst du dich mit Haut und Haaren,
Wacht iht Glanz, ihr Zeichen neu.


XII

Der dir sagt, du gehst zugrunde,
Dessen Speer dich nie verpaßt,
Trinkt genüßlich an der Wunde,
Die du weit geöffnet hast.
Aber deine Marterstunde
Schlingt allein nicht Fuß und Ast,
Sondern auch dem Baum zum Bunde,
Was du trägst wie er die Last.
Neunmal steigt der Mond, und Hunde
Jaulen dem gehängten Gast,
Bis die Rinde Runenkunde
Und den Sinn des Opfers faßt.


XIII

Würde dich Saturn verschonen,
Wärst du nicht der Herr und Held
Aller, die im Zwielicht wohnen,
Halm gmäht und Frucht zerspellt.
Sieh die königlichen Kronen
Und die Herrlichkeit der Welt
Mit den Häuptern der Gorgonen
Deinen Träumen zugesellt.
Aber du im Flug der Drohnen
Botst Gesang, der nie verfällt,
Dem das Herz der Dunkelzonen
Keine Macht entgegenstellt.


XIV

Deutest du die Vogelzüge,
Loht an deiner Stirn der Stern,
Schwinge, der du eigne Flüge
Dankst vor allen Zauberern,
Ruht, wenn du in Silberkrüge
Füllst das Öl vom Sonnenkern.
Demut birgt die sanfte Rüge,
Stolz der Dienst am höchsten Herrn,
Denn das Maß beschämt die Lüge,
Aber es verheimlicht gern,
Wie es sich am Ende füge,
Faßbar stets und ständig fern.


XV

Wurdest du zum Zeichensetzer,
Üb nicht Renegatenhatz,
Unbestechlich sei der Schätzer,
Patina von Bronze kratz.
Gib dem bibelfrommen Schwätzer
Nie in deinem Hause Platz,
Was am Fürsten er der Ketzer
Ächtet, ist Eunuchengnatz.
Der Versucher, der Verletzer
Spiele seinen Part im Satz,
Denn er wird zum Traumvernetzer,
Gönnst du ihm den Drachenschatz.


XVI

Wenn die Götter nicht mehr hören,
Speist die Quelle keinen Bach,
Doch im Übermaß zerstören
Blitz und Feuer Herd und Dach.
Sonne flieht in schwarzen Flören,
Schwefel macht die Herzen schwach,
Turm, bekrönt, in Donnerchören
Spielball, stürzt im Spottgelach.
Sag, wenn wir uns selbst verlören,
Wär es es schlimmres Ungemach,
Wenn der Wahn, der lind betören
Durfte, böt dem Geiste Schach?


XVII

Wies der weiße Stab der Eibe
Deiner Reise Weg und Ziel,
Auch die Beerenfrucht zerreibe
Sternbewacht mit Stumpf und Stiel.
Kommt Merkur, mit nacktem Leibe
Wasser schöpf aus Selsebil
Und mit Nix und Nymphen treibe
Neckerei und Liebesspiel.
Du hast viel von einem Weibe,
Und vom Manne viel zu viel,
Venus, Mars zusammenschreibe
Als Galionsfigur am Kiel.


XVIII

Wein, der süß von Edelfäulen,
Küßt der Pilze Blutgetropf,
Wo dein Kleid im Ruf der Eulen
Glich der Brut des Wiedehopf.
Die dein Herz verhirscht, im Heulen
Ihrer Doggen jagt, den Kopf
Nicht verlier, denn eh sie Keulen
Nutzt, faßt dich die Gier am Schopf.
Mondner Pfad durch Zwillingssäulen
Endet für den Krebs im Topf,
Aber du ziehst deine Beulen
Aus dem Sumpf am eignen Zopf.


XIX

Sei gegrüßt mit sanfter Brise,
Tief im Süden wuchs der Wind,
Prächtig thront der Flammenriese,
Sonntagssproß und Junikind,
Daß dich seine Gunst erkiese,
Danke dem, der stets gewinnt,
Minnegarten, Blumenwiese
Nur ein Blatt des Gauklers sind.
Wenn er morgen schon zerbliese
Glück, für allen Abschied blind,
Trag die Sonnenparadiese
Durch das Spiel, das neu beginnt.


XX

Ob die Opfer sie entrücken,
Weißt du nicht, und ob die Zahl
Ihrer Münder gleicht den Mücken,
Die der Dämmer schickt ins Tal.
Auferstehn nicht Mühn, die glücken,
Höher als Verdienst, Moral
Schönheit gilt, und jung entrücken
Götter, wen befiel die Wahl,
Der posaunt aus freien Stücken,
Sperber, Greif, Adon und Baal,
Wird maskiert die Unschuld pflücken,
Kelch und Knospe zwanzigmal.


XXI

Elemente, vier auf Erden,
Mischen sich zu Geist und Ding,
Engel grüßt mit Huldgebärden
Einhorn auf dem Siegelring.
Ritter nahn mit schwarzen Pferden,
Linde lädt zu Trunk und Thing.
Alles muß Verwandlung werden,
Daß die hohe Kunst geling.
Du, bekränzt, mußt stets gefährden,
Was ich geben will und bring,
Denn ich weih dir Haus und Herden
Und die Strophen, die ich sing.


XXII

Eh sie dich zu Grabe karren,
Andrer Narr die Geige führ,
Schließ das Buch, die goldnen Barren
Laß dem Volk, das Bündel schnür.
Götter halten dich zum Narren,
Menschen halten dich dafür,
Recht ist wohl ihr Rechtbeharren
Wie dem Zöllner die Gebühr.
Blauer Grund, gestürzter Sparren,
Dies dein Wappen, Fluch und Kür,
Nicht nach Menschen sollst du starren,
Weit, weit offen steht die Tür.