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Aus »Schnitterfest«. Gedichte 2011, Vers 38135 bis 38206

STAATSTABU


Wie jedes Tier nicht dulden kann,
Wer raube, was zum Leben not,
Sind Dinge, die der Mensch ersann,
In ebensolcher Weis bedroht,
Sie finden Wo, sie finden Wann
Im Rechte, das ihr täglich Brot,
Es gibt nicht Geltung ohne Bann
Und keine Höhe ohne Lot.

Der Staat, der keinem Bürger kalt
Anheimstellt, ob er sei, ob nicht,
Setzt absolut sich als Gewalt,
Setzt Ausweis-, Wehr-, und Steuerpflicht.
Er tritt ans Gut von jung und alt,
Daß Selbstmord bloß dagegenspricht,
Drum weiß der Mensch, daß Ohngestalt
Nicht etwa heiße Ohngewicht.

Die Krone und das Parlament
Sind nur so hehr wie anerkannt,
Wer diesem Glanz den Schlüssel fänd,
Dem fiele zu das ganze Land,
Doch gilt, solang der Aszendent
Geknickt agiert mit morscher Hand,
Das Lebenslicht des Staates brennt
Und scheint der Ewigkeit verwandt.

Die Schlüssel sind sehr gut verstaut,
Doch bei den Ostberlinern schwor,
Aus Draht und Stahlbeton gebaut,
Die Mauer, daß sie sei ein Tor.
Da wußte, wer da geht und schaut,
Sie fall dem Staat nur kurz zuvor,
Wem nicht mehr vor dem Drachen graut,
Mit ihm auch seinen Herrn verlor.

Der Weststaat lacht noch heute frisch,
Weil falsche Schlüssel weit gesät,
Dem, der da spricht vom großen Fisch,
Dies bald zum großen Flop gerät.
Das Grundgesetz wär nur ein Wisch,
Wenn es das Volk begreifen tät,
Doch lockt hier kein gedeckter Tisch,
Wie einst den Ossis früh und spät.

So lachen Hans und Grete heut
Vom Pfefferkuchenhaus verlockt:
Was ist schon ein Tabu ihr Leut,
Solang der Nachschub niemals stockt?
Und manchen hats schon arg gereut,
Daß er als Kind, das albern bockt,
Geschmäht ward, weil ihn gar nicht freut,
Vor welchem Geist der Deutsche hockt.

Die Ernte ohne Erntedank
Als katerfreier Rausch gedacht!
Wir haben doch die Notenbank,
Die allgemeinen Reichtum macht.
Zwar ist so manches siech und krank,
Und im Gebälk es öfters kracht,
Jedoch man hält, ob dick, ob schlank,
Verfloßnes für die Hungersnacht.

Der Sänger, der die Verse setzt,
Ist Pythia nicht und kein Prophet,
Er weiß nicht, wer da lacht zuletzt,
Obs Pfefferkuchenhaus verweht,
Nicht ob der Wolf die Zähne wetzt
Und bald schon vor der Türe steht,
Nicht ob ihm wer im Hause petzt,
Wie leicht geölte Klinke geht.

Doch zweifelsohne ist ihm klar,
Das irgendwann was heut tabu,
Nach einem Wechsel offenbar
Gemeinplatz heißt und dumm dazu.
Dann ist mit einmal groß die Schar,
Die mit dem Wissen stets auf Du
Erinnernd heut schon wissend war
Und die Gewalt nur zwang zur Ruh.