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Aus »Marone und Morchel«. Gedichte 2009, Vers 26398 bis 26437

JUDASOHR


Die Sage geht von dem Verräter,
Er hing sich auf an dem Holunder,
Vielleicht wards zugedichtet später,
Doch trifft sichs mit dem rosa Wunder,
Das wie ein Ohrgang wild verschlungen
Hängt wie ein Mal am Holderflor,
Drum wird der Pilz vom Volk besungen,
Als abgetrenntes Judasohr.

Als er die Häscher führt zum Garten,
Den Heiland küßt als Angriffsziel,
Hub Petrus mit dem Schwert, dem harten,
Das Ohr ihm ab, das blutend fiel,
Doch Jesus, der nicht kam zu streiten,
Es lind zur Heilung ihm beschwor,
Drum geht die Mär durch alle Zeiten
Vom abgetrennten Judasohr.

Vielleicht weil es der Herr berückte,
Kanns nicht vergehen mit dem Haupte,
Sooft der Wart die Klinge zückte,
Es klebt am Baum das Totgeglaubte.
Von Gallert, zäh doch auch elastisch,
Geädert, fleischbraun ragt es vor.
Darum erkenn die Welt phantastisch
Mit abgetrenntem Judasohr.

Man ißt die Muschel, deren Happen
Genießbar sind als Suppenwürze,
Dies ändert nicht, daß dieser Lappen
Uns arg verstöre und bestürze.
Der Holderbaum spricht von der Minne
Seit alters, und sie gilt als Tor
Zum Weltend und zum Weltbeginne:
Dem abgetrennten Judasohr.

Zum Kreuz ists gar ein Gegenzeichen,
Nicht Bann, doch Weg für Ton und Lied,
Mag sein, daß wenn die Bilder weichen,
Das Heil durch die Musik geschieht,
Dann fahren die berufnen Scharen
Getragen von dem Engelchor,
Den Sinn der Welt zu offenbaren
Durchs abgetrennte Judasohr.