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Aus »Deutsche Passion«. Gedichte 2006, Vers 14681 bis 14720

SAGENZEIT


Der Kaiser Rotbart steht im Sang
Des Volkes auf der Höh allein,
Kein Mann seit seinem Untergang
Sollt wieder so besungen sein.

Meist spricht die Sage namenlos
Von Leuten von geringem Stand,
Ob auf der Heid, im Ried, im Floß,
Wer kam und sah, ist unbekannt.

Mal wird ein Ritter, ein Geschlecht,
Wohl sagenhaft in Berg und Tal,
Doch bleibt das mythische Geflecht
Stets landschaftshörig und lokal.

Von Kronen, Szeptern, Schlachtenglück
Lebt wenig fort im Sagenraum,
Was den Gemeinen kränk und drück,
Betraf die Welt der Throne kaum.

Erst Martin Luther wieder fand
Von Politik zu Sagengold,
Wie Seele er und Leib verband,
Ward solche Phantasie gezollt.

Denn hier traf sich das Naturell
Mit deutscher Sehnsucht nach dem Thing,
Als ob ein lang Gedrücktes hell,
Als Bronnen aus der Erde spring.

Dies zählte mehr als aller Streit,
Wie dich am Abendmahl erlabst,
Ob die Apostel seinerzeit
Den Schlüssel ließen Kirch und Papst.

Was Luther oder Rotbart trägt,
Ist Glauben, der nicht Konfession.
Ihn hegt, wer nach den Toten frägt,
Und wo er einst mit ihnen wohn.

Wenn solches jedem närrisch scheint,
So sei geboren uns wer will,
Um schnöden Tand der Volksgeist greint,
Und in der Sage bleibt es still.

Erst wenn die Frag der Seligkeit,
Gilt jedem wieder mehr als Glück,
Kehrt deutschem Land die Sagenzeit
Und so die Hoffnung selbst zurück.