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Aus »Fliederblüten«. Gedichte 1981, Vers 961 bis 992

LUZIFERS STEIN


Gebieterisch und süß aus tiefem Schlafe
Trieb mich ein Ruf von unbekannter Seite,
Und durstig nach Gefolgschaft und nach Weite,
Erhob ich mich als dienstbeflißner Sklave.

Der Rufer schritt voran. Welch hoher Stil,
In Glanz und Gnade seiner selbst entrückt!
Und lustvoll, wie ein kleines Kind erschrickt,
Durchquoll mich Dunst, romantisch und febril.

Am Wegrand sahn in höfischen Manieren
Uns Engel zu, die Wege uns zu zeigen,
In Frömmigkeit und sinnlichem Verschweigen
Der Führer zog durch blaue Ouvertüren.

Im Morgenrot die Gralsburg schimmernd lag.
Die Engel flohn. Ein goldener Pokal
Stand halbgefüllt, verwaist im großen Saal.
Mit staubig strammer Geste kam der Tag.

Das hektische Getu in Hinterzimmern
Drang kurz nach vorn mit nächtlichem Geflüster.
Kalt wie ein Fluch und unermeßlich düster
Lag in der Luft ein gottverlaßnes Wimmern.

Und zärtlich traurig keimte Liebesraub
In meiner Seele wehem Vogelflug,
Und meine Hand, ihn sanft berührend, trug
Die Wollust, und sein Leib zerfiel zu Staub.

Ich wurde blaß, mein Antlitz zu verfemen
Und alle Liebe, die mit seidnen Stricken,
Mit Wollust, goldnen Händen, kalten Blicken
Ermordet, schrien im Saal die Chrysanthemen.

Da sann ich zag, indes sie weiterschrien:
Was war er meiner Trauer hold und schlicht?
Als hätte ich versucht, für mein Gedicht
Die linnenweiße Haut ihm abzuziehn.